Kinderdiabetologie: Corona-Buckel, Videosprechstunden und Schulungen

Interview Autor: Dr. Moyo Grebbin

Es ist eine wichtige Aufgabe, neue Schulungen zu entwickeln. Es ist eine wichtige Aufgabe, neue Schulungen zu entwickeln. © iStock/evgenyatamanenko

In einer kürzlich erschienenen Fachpublikation berichtete Dr. Ralph Ziegler, Leiter einer diabetologischen Schwerpunktpraxis für Kinder und Jugendliche in Münster, wie er das letzte halbe Jahr erlebte1: Die Coronapandemie zwang auch ihn und sein Team zur Umstellung.

Vor-Ort-Termine fielen größtenteils weg und wurden plötzlich durch die intensive Nutzung von telemedizinischen Lösungen ersetzt. Das brachte Vor- und Nachteile der digitalen Sprechstunden ans Licht – und wirkte sich auch auf die Diabetestherapie aus. Im Interview fasst der Kinderdiabetologe seine Erfahrungen zusammen: Er berichtet von typischen Fallstricken und erklärt, welche Aufgaben es jetzt noch zu meistern gilt.

Seit Anfang März konnten Sie Ihre jungen Patienten kaum noch persönlich betreuen. Wie hielten Sie den Kontakt?

Dr. Ralph Ziegler: Einige wenige haben wir noch in der Praxis gesehen und beraten, die meisten Termine aber durch Telefon- und Videobesprechungen kompensiert. Glücklicherweise hatten wir just zu dem Zeitpunkt eine Videosprechstunde eingerichtet, mit der wir bald starten wollten – so konnten wir sofort anfangen.

Das Feedback war sehr erfreulich. Natürlich gab es anfangs auch mal kleinere Probleme, etwa mit der Eingabe der TAN-Nummer, den Mikrofoneinstellungen oder Internetverbindungen. Insgesamt haben sich die Familien aber erstaunlich schnell mit der Technik arrangiert und sie gut angenommen.

Bestimmt 80 % der Kinder und Jugendlichen, die wir betreuen, nutzt außerdem Insulinpumpen und Systeme zur Glukosemessung, bei denen die Daten über Cloud-Lösungen direkt an uns weitergegeben werden können. Das hat bei der Fernbetreuung sehr geholfen.

Kommen die Kinder und Jugendlichen jetzt wieder öfter zu Ihnen in die Praxis?

Dr. Ziegler: Ja, das ist beinahe wieder auf einem normalen Niveau. Es wird mittlerweile auch von den Familien angenommen und eingefordert. Anfangs waren viele sehr zurückhaltend, was Praxisbesuche anging. Wir müssen natürlich sehr genau planen und Kontakte mit anderen Personen vermeiden – das Wartezimmer hat sich ja quasi erübrigt. Dadurch haben wir etwas weniger Möglichkeiten, auch wenn wir die Öffnungszeiten ausgeweitet haben.

Hat sich in den letzten Monaten auch die Diabetestherapie verändert?

Dr. Ziegler: Es gab einen ganz typischen Fehler, den viele Familien und Patienten gemacht haben: Da die Kinder und Jugendlichen nicht in die Schule gehen mussten, sind sie später aufgestanden und haben später gefrühstückt. Viele meiner Patienten nutzen einen Bolusrechner – da ist beispielsweise ein erstes Frühstück zwischen halb sieben und neun Uhr eingestellt und ab neun ein zweites Schulfrühstück mit einem geringeren Faktor. Wenn die Kinder jetzt aber erst spät frühstücken, müssten sie eigentlich den Faktor des ersten Frühstücks nehmen, im Gerät ist aber der Schulfrühstücks-Faktor eingestellt. Viele haben daher zu wenig Insulin gespritzt und sich dann gewundert, dass die Glukosewerte hoch gingen. Im Tagesprofil konnte man das so gegen zehn oder elf Uhr deutlich sehen – ich habe das den „Corona-Buckel“ genannt. Dieses Problem tritt aber auch sonst gelegentlich auf, etwa während Ferienzeiten.

In vielen Fällen war es auch nötig, die Insulindosis zu steigern. Wenn den Kindern Bewegung fehlte, war der Insulinverbrauch höher. Einige haben das gut angepasst oder sich bei uns gemeldet. Andere haben das leider einfach hingenommen.

Generell habe ich zwei gegensätzliche Richtungen beobachtet. Manche Familien hatten jetzt mehr Ruhe und Gelegenheit, sich um den Diabetes zu kümmern. Bei anderen lief es schlechter als zuvor, etwa wenn Kinder und Jugendliche mehr oder minder allein auf sich gestellt waren. Oder wenn plötzlich die ganze Familie zu Hause war und alles chaotisch lief.

Welche Vor- und Nachteile der Telemedizin haben sich herauskristallisiert?

Dr. Ziegler: Viele Termine gehen schneller, oft sind alle konzentrierter. Im Gegensatz zu früher haben die Patienten ihre Daten immer schon hochgeladen und sie sich häufiger im Vorfeld selbst auch angesehen. Besonders Familien mit einer langen Anreise sparen sich viel Zeit. Und auch für uns hat die Telemedizin Vorteile, wenn es um kleinere Aspekte geht, die sich in einem kurzen Gespräch klären lassen.

Schwierig wird es bei Schulungen, wenn etwas gezeigt oder vorgeführt werden muss. Doch auch das konnten wir per Telemedizin umsetzen – die Diabetesberaterin hält dann beispielsweise die Pumpe vor die Kamera und führt durch das Menü. Das funktioniert gut. Auch Schulungen in Gruppen von 10 bis 25 Personen haben wir bereits durchgeführt. Jedes Mal gibt es Patienten, die sich aktiv beteiligen und Fragen stellen, davon profitieren auch die übrigen Teilnehmer.

Aber nicht alle Themen eignen sich dafür, außerdem sollten die Videoschulungen nicht länger als eine Stunde dauern. Wir haben zum Beispiel Ketonschulungen per Videokonferenz durchgeführt oder Beratungen, wie die Insulintherapie in den Ferien angepasst werden sollte – also eher knappe, konkrete Themen.

Was ist das Fazit, das Sie aus Ihren Erfahrungen ziehen?

Dr. Ziegler: Ich denke, wenn man einen positiven Aspekt in der Coronasituation sehen kann – sofern man das überhaupt darf – dann ist es, dass die digitalen Möglichkeiten einen großen Aufschwung erfahren haben. Sowohl aufseiten der Patienten als auch der Diabetesteams werden jetzt die Vorteile klar gesehen. Ich glaube auch nicht, dass die Telemedizin zulasten direkter Kontakte geht, die natürlich weiter wichtig und absolut notwendig sind.

Mit unseren ersten Versuchen, Videoschulungen anzubieten, konnten wir bisher jedoch nur einen kleinen Teil der Angebote kompensieren und haben viel aufzuholen. In meinen Augen ist daher jetzt eine wichtige Aufgabe – sowohl für Praxen, Ambulanzen und Kliniken als auch für die Fachgesellschaften – neue Schulungsprogramme zu entwickeln oder bestehende so anzupassen, dass man sie als Videoschulung anbieten kann.

Den Antrieb, den wir gerade spüren, sollten wir nutzen und weitermachen!

Quelle:
1. Ziegler R. J Diabetes Sci Technol. 2020; 14(4): 811-812; DOI: 10.1177/1932296820930281


Dr. Ralph Ziegler, Praxis für Kinder- und Jugendmedizin, Diabetologische Schwerpunktpraxis Dr. Ralph Ziegler, Praxis für Kinder- und Jugendmedizin, Diabetologische Schwerpunktpraxis © DDG/Dirk Deckbar