Wie lassen sich Pfleger wie Niels Högel stoppen?

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

Zu den täterspezifischen Frühwarnzeichen gehört u.a. eine Häufung von unerwarteten Todesfällen während der Dienstzeit eines Mitarbeiters. © iStock/Juanmonio

Tötungsfälle in Pflegeheimen und Kliniken – man mag es sich nicht vorstellen. Doch genau deswegen bleiben sie wahrscheinlich so lange unentdeckt. Ein Psychiater benennt Warnzeichen, die Arbeitskollegen auf das mörderische Tun von Menschen wie Niels Högel, der als Pflegender so viele Kranke umbrachte, hinweisen können.

Mit ihrem Buch „Tatort Krankenhaus“ haben Professor Dr. Karl H. Beine, Facharzt für Nervenheilkunde und Psychotherapeutische Medizin, und Jeanne Turczynski, Redakteurin beim Bay­erischen Rundfunk, ein Geschehen angesprochen, das bereits vor zwei Jahren bei Erscheinen des Buches viele Menschen erschütterte und nach wie vor viel diskutiert wird. Es geht um die Tötung von Kranken, um Täter am Krankenbett.

Eine traurige Aktualität hat das Thema durch den ehemaligen und inzwischen zu lebenslanger Haft verurteilten Krankenpfleger Niels Högel erreicht, der laut Staatsanwaltschaft eine unglaubliche Zahl an Patienten in Krankenhäusern in Niedersachsen weitgehend unbehelligt getötet hat.

Wie war es möglich, dass niemand etwas bemerkte und verdächtigen Hinweisen nicht nachgegangen wurde? Das fragte sich Prof. Beine angesichts bisher bestätigter 106 Morde durch Högel und mehr als 300 Mordverdachtsfällen, denen die Ermittler noch nachgehen.

Gerade in Pflegeeinrichtungen und Kliniken rechne niemand mit vorsätzlichen Tötungen, schreibt der Nervenarzt. Gefährdetes Leben stehe schließlich unter besonderem Schutz und die Mitarbeiter hätten sich dem Erhalt und der Pflege des menschlichen Lebens verschrieben. Zugleich gehören das Sterben und der Tod zum Alltag. Sterben sei somit „gewöhnlich kein Ereignis, das Misstrauen erregt“.

Gefährliche Arglosigkeit verstellt Sicht auf Warnzeichen

Da es somit in Heimen und Kliniken schwierig ist, vorsätzliche Tötungen aufzudecken, will Prof. Beine mit den Inhalten seines in überarbeiteter Auflage verfügbaren Buches „Krankentötungen in Kliniken und Heimen“ dazu beitragen, Krankentötungen möglichst früh aufzudecken und diese damit hoffentlich künftig zu verhindern.

Natürlich sei es für jede Einrichtung einer der größten denkbaren Schäden, wenn ein eigener Mitarbeiter schutzbefohlene Patienten oder Bewohner vorsätzlich töte, so Prof. Beine. Deswegen mag man gar nicht daran denken. Doch nur, wenn man solche Vorkommnisse für das eigene Tätigkeitsfeld nicht gänzlich ausschließe, könne an die Stelle gefährlicher Arglosigkeit eine menschenfreundliche Achtsamkeit treten, mit der Frühwarnzeichen erkannt werden.

Zu den täterspezifischen Frühwarnzeichen gehören etwa eine Häufung von unerwarteten Todesfällen während der Dienstzeit eines Mitarbeiters, die überzufällig häufige Anwesenheit eines Kollegen bei Notfallsituationen oder auch ein verrohter, zynischer und entwertender Sprachstil eines Mitarbeiters. Als umgebungsspezifische Frühwarnzeichen bezeichnet der Autor u.a. eine nachlässige Leichenschau und niedrige Obduktionsrate, Fehlbestände bei den Medikamenten und auch fehlende Reaktionen von Vorgesetzten auf vorgetragene Kritik.

Ausgehend von den Frühwarnzeichen rät Prof. Beine zu konkreten präventiven Maßnahmen, darunter reguläre Medikamentenkontrollen und regelmäßige Teambesprechungen. Kritisch beschreibt er das Bagatellisieren gravierender Regelverstöße. Er fordert „Kompetenz in fachlicher und sozialer Hinsicht von der Führung und den Mitarbeitern, und nicht zuletzt die Fähigkeit, vorhandene Konflikte verantwortlich anzugehen und auf Missstände couragiert hinzuweisen“. Allerdings sei ein respektvoller und wertschätzender Umgang in Kliniken und Heimen auch davon abhängig, wie in der Öffentlichkeit gesprochen werde. Von der „Überalterung“, vom „Altenberg“ oder von „Soziallasten“ zu reden, zeuge nicht von Anerkennung, sondern trüge zur Entwertung von kranken Menschen, aber auch von Mitarbeitern in Kliniken und Heimen bei.

Haben Sie schon mal getötet? Die Antworten erschrecken

Prof. Beine hatte als Inhaber des Lehrstuhls für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Witten/Herdecke eine Umfrage initiiert, an der sich mehr als 5055 Ärzte, Kranken- und Altenpfleger beteiligten. Gefragt wurde im Zeitraum Oktober 2014 bis Oktober 2015: „Haben Sie selbst schon einmal aktiv das Leiden von Patienten beendet?“ Im Ergebnis antworteten für den Bereich der Krankenhäuser 3,4 % der Ärzte, 5 % der Altenpfleger und 1,5 % der Krankenpfleger mit „Ja“. Die Hochrechnung für diese drei Berufsgruppen kommt auf jährlich 14 461 Patienten, die in den Kliniken durch Fremdeinwirkung zu Tode kommen. Werden noch die „Ja“-Aussagen von Kranken- und Altenpflegern in Pflegeheimen (1 % bzw. 1,8 % = in Summe 6857 Tötungen) hinzugezählt, kommt man auf insgesamt 21 000 Tötungsfälle.


Niels Högel ist ein krasses Beispiel für einen Pflegenden, der an seiner Arbeitsstätte vorsätzlich Schutzbedürftige tötete. Das Phänomen tritt aber wahrscheinlich weit häufiger auf als es bekannt wird. © picture alliance/Mohssen Assanimoghaddam/dpa-Pool/dpa