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Telemedizin bewährt sich bei Fachkonsilen und in der Psychotherapie

Autor: Ruth Bahners

Krisenerprobt: Das Erfolgsmodell wurde ruck, zuck zur Regelversorgung gemacht. (Agenturfoto) Krisenerprobt: Das Erfolgsmodell wurde ruck, zuck zur Regelversorgung gemacht. (Agenturfoto) © Sushiman – stock.adobe.com
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Die Telemedizin hat durch die pandemiebedingten Kontakteinschränkungen einen Schub erfahren. Dabei offenbarten sich aber auch Mängel.

„Die Telemedizin startet durch“, bemerkt Professor Dr. Gernot Marx, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin (DGTelemed). Als Beleg führt der Direktor der Klinik für operative Intensivmedizin an der Universitätsklinik Aachen das Projekt „Telemedizinisches Konsil in der Intensivmedizin“ an. Mit Beginn der Pandemie im März 2020 wurde ein digital gestütztes Versorgungsnetzwerk aufgebaut, bei dem Kliniken der Grundversorgung mit Expertenrat der Intensivmediziner der Unikliniken Aachen und Münster bei der Behandlung von COVID-19-Patienten unterstützt wurden.

92 Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung beteiligten sich. Es wurden für 320 Patienten rund 2100 Konsile mit den Spezialisten in Aachen und Münster durchgeführt. „Mit Erfolg“, so Prof. Marx. Nur 8 % der Patienten hätten in Zentren verlegt werden müssen. Vor allem aber: Die Mortalität der beamteten Patienten im Netzwerk habe mit 38 % deutlich niedriger gelegen als bei der Behandlung ohne vergleichbares Rund-um-die-Uhr-Konsilangebot (Sterblichkeit: 53 %).

Das hat auch das Bundesgesundheitsministerium und den G-BA beeindruckt. Innerhalb nur einer Woche sei das Projekt in die Regelversorgung aufgenommen worden, samt einem Modul für die Vergütung der Fachexpertise, berichtet Professor Josef Hecken, Vorsitzender des G-BA. Das sei ein „wunderbares Beispiel, wie man mit gutem Willen und guter Vorarbeit der Fachgesellschaften schnell und unbürokratisch“ Veränderungen in die Versorgung bringen könne.

Psychotherapeuten mögen Online-Sitzungen

Auch die sprechende Medizin hat während der Coronakrise von der Telemedizin profitiert. Die Psychotherapeuten haben verstärkt auf Online- statt Präsenztherapie gesetzt. Mit positiven Ergebnissen, berichtet Dr. Alessa Jansen, wissenschaftliche Referentin bei der Bundespsychotherapeutenkammer. Sie spricht von einem „wahnsinnigen Innovationsschub“. Bei einer Befragung von 3200 Psychotherapeuten hätten neun von zehn die Absicht geäußert, auch nach Ende der Pandemie die Online-Sitzungen fortzuführen.

Für Hausärzte, die vielfach Patienten mit Depressionen behandeln, stelle die Telemedizin ebenfalls eine große Chance dar, meint Professor Dr. Neeltje van den Berg von der Abteilung Versorgungsepidemiologie der Universität Greifswald. Sie schildert ein Projekt der telemedizinischen Nachbehandlung psych­iatrischer Patienten in der Region Greifswald-Stralsund. Bei schizophrenen Patienten habe die Adhärenz durch die telemedizinische Betreuung signifikant gestärkt werden können. Bei depressiven und Angst-Patienten sei eine signifikante Verbesserung der Symptomlage erreicht worden.

Trotz der guten Beispiele findet G-BA-Chef Prof. Hecken die Lage bei der Telemedizin noch unbefriedigend. Die Pandemie habe auch „die Mängel der digitalen Infrastruktur dramatisch vor Augen geführt“.

Telemonitoring fristet noch ein Schattendasein

Ein Beispiel dafür liefert Rainer Beckers, Geschäftsführer des ZTG Zentrum für Telematik und Telemedizin: Das Telemonitoring sei immer noch nicht in der Versorgung angekommen. In den Disease Management Programmen würden Patienten weiterhin händisch Tagebücher führen und die notwendigen Untersuchungen wegen der Ansteckungsgefahr während der Pandemie schleifen lassen – „ein Offenbarungseid“.

Hoffnungen setzt die DG­Telemed auf die elektronische Patientenakte. Zudem solle der Staat den Aufbau regionaler Netzwerke mit telemedizinischen Zentren fördern. Und finanzielle Anreize für intersektorales Handeln seien zu schaffen.

Kongressbericht: 11. Nationaler Fachkongress Telemedizin


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