„Die Lebensmittelindustrie lügt wie gedruckt“

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

Internationale Studien belegen Risiken eines zu hohen Zuckerverbrauchs – die Industrie stellt es anders dar. © iStock/SoberP

Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch bezichtigt Bundestagsabgeordnete und Industrievertreter der Lüge, wenn es darum geht, Zusammenhänge zwischen Zuckerverbrauch und Übergewicht korrekt darzustellen. Vor Journalisten klärten sie über diese „Zuckermythen“ auf.

„Zucker braucht jeder Mensch“, hatte sich z.B. der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Schmidt (CSU), geäußert. Der Satz „Die Erfahrungen in anderen Ländern zeigen: Strafsteuern auf zucker-, fett- und salzhaltige Produkte bzw. Verbote haben keinen nachhaltigen Erfolg“ kam von Gitta Connemann, stellv. Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

Trotz hoher Folgekosten wird nicht gehandelt

Mit Verweisen auf Studien renommierter Universitäten, Wissenschaftler und der WHO widerlegte Oliver Huizinga, Leiter Recherche und Kampagnen von Foodwatch jedes präsentierte Zitat. Das betraf auch Äußerungen von Vertretern der Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke, der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker und des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde.

Huizinga äußerte Unverständnis darüber, dass die Politik angesichts von jährlich 63 Mrd. Euro an Adipositas-Folgekosten und der Warnung von Weltgesundheitsorganisation und OECD vor einer globalen Adipositas-Epidemie nicht aktiv wird. Er verwies zudem auf die Warnung deutscher Fachgesellschaften vor einem „Tsunami chronischer Krankheiten“, denn Adipositas erhöhe nachweislich das Risiko für die Entstehung von zahlreichen chronischen Krankheiten, darunter Herzkrankheiten, Typ-2-Diabetes und diverse Krebsarten.

„Dass es sich um eine ernsthafte Bedrohung handelt, ist bei der Politik noch nicht angekommen“, so Huizinga. Es sei auffällig, wie viele Aussagen aus der Spitze des Minis­teriums für Ernährung und Landwirtschaft die Gefahren durch Zucker (Saccharose) kleinredeten und die Erfahrungen mit Limo-Steuern schlecht machten. Gerade dann, wenn die Wichtigkeit staatlicher Regulierungsmaßnahmen offensichtlich werde, nehme es Schmidt mit Fakten nicht so genau.

Den Industrievertretern wirft Foodwatch vor, die Abgeordneten des Deutschen Bundestags mit Falschaussagen zu beeinflussen. Die Zuckerindustrie verhalte sich wie früher die Tabakkonzerne, so Hui­zinga.

„Die Lebensmittelindustrie lügt wie gedruckt. Mit wiederholten Falschaussagen verschleiert sie die Gefahren von Zucker und blockiert wichtige gesundheitspolitische Initia­tiven“, wettert der Recherchespezialist. Der Verein Foodwatch fordert deshalb inzwischen auch auf seiner Webseite von der Zuckerlobby: „Hören Sie auf zu lügen!“

Nicole Maisch, Abgeordnete der Grünen im Bundestag und Sprecherin für Verbraucherpolitik, bestätigt die Kritik der Verbraucherschützer: „In über zehn Jahren Bundestag ist mir keine Gruppe begegnet, die penetranteres und irreführenderes Lobbying betreibt als die Zuckerindustrie. Fakten werden verdreht und Abgeordnete werden mit pseudowissenschaftlichen Publikationen umgarnt.“

Gesundheitspolitiker stehen nicht im Fokus der Kritik

Bundesernährungsminister Schmidt wirft sie vor, vor der Zuckerlobby einzuknicken anstatt alle entscheidenden Akteure an einen Tisch zu holen.

Nach Rückfrage einer Journalistin, ob denn auch Gesundheitspolitiker im Zentrum der Kritik stehen, erklärte Huizinga: Gesundheitspolitiker wie Rudolf Henke, Dr. Edgar Franke und Dietrich Monstadt seien „näher am Patienten“. Aber die Prävention von Fehlernährung liege nunmal beim Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Hier befänden sich die Politiker aber in einem Interessenkonflikt: Weniger Zuckerkonsum bedeute nämlich zugleich auch weniger Absatz für die Landwirtschaft.

Quelle: Foodwatch – Pressekonferenz
http://bit.ly/2gpbGhF