Sorge um adipöse Kinder wächst: „Wir haben keine Geduld mehr“

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

Um die „Adipositas-Epidemie“ zu stoppen, braucht es gesetzliche Maßnahmen, sagen viele Mediziner. © Fotolia/masterloi

Bluthochdruck, Plattfüße, Diabetes – Dr. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) kommentiert einen offenen Brief an die Bundesregierung und die Parteichefs. Gefordert werden Maßnahmen gegen die Fehlernährung.

Mehr als 2000 Ärztinnen und Ärzte – darunter 1300 Kinder- und Jugendärzte, 222 Diabetologen und 58 Professoren der Medizin – drängen die Berliner Politiker dazu, endlich gegen Fehl-ernährung aktiv zu werden. Unterstützt wird das von BVKJ, Deutscher Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Verbraucherorganisation foodwatch initiierte Schreiben von zahlreichen medizinischen Fachgesellschaften sowie von der Techniker Krankenkasse (TK) und dem AOK-Bundesverband.

„Globale Adipositas-Epidemie“ auch in Deutschland sichtbar

Mit nationalen wie internationalen Zahlen machen die Autoren des Briefs die inzwischen „globale Adipositas-Epidemie“ deutlich, die auch Deutschland betrifft. So gelten hierzulande laut KiGSS-Studie 15 % der Kinder und Jugendlichen von drei bis 17 Jahren als übergewichtig oder adipös (BMI ≥ 25), 6,3 % aller untersuchten Kinder sind adipös (BMI ≥ 30). Im Vergleich zu den 1980er- und 1990er-Jahren habe der Anteil übergewichtiger Kinder um 50 % zugenommen, der Anteil adipöser Kinder habe sich sogar verdoppelt.

Aus dem Brief der Ärzte an die Bundespolitiker

„Als ergänzende Maßnahme zur Förderung gesunder Ernährung schlägt unter anderem die WHO-Kommission ECHO (,Ending Childhood Obesity’) eine gesetzliche Beschränkung der an Kinder gerichteten Werbung vor. Lediglich für Produkte mit einem ausgewogenen Nährwertprofil sollten an Kinder gerichtete Werbemaßnahmen erlaubt sein. Für Produkte mit einem hohen Gehalt an Fett, gesättigten Fetten, Salz und/oder Zucker hingegen sollten Werbemaßnahmen mit Comicfiguren oder auch Spielzeugbeigaben verboten werden. Das WHO-Regionalbüro für Europa hat 2015 ein geeignetes Nährwertprofilmodell vorgelegt, das definiert, für welche konkreten Lebensmittel beziehungsweise Rezepturen an Kinder gerichtete Werbung untersagt werden sollte.“

Dr. Fischbach, Kinderarzt in Solingen, erklärte bei der Vorstellung des Schreibens in Berlin, dass Adipositas mittlerweile einen erheblichen Stellenwert in seiner Praxis einnähme. Kinder litten an Auswirkungen des Übergewichts auf Skelett und Muskulatur, an Plattfüßen, an hohem Blutdruck und Diabetes Typ 2. Im Jahr 1984 habe er approbiert, so Dr. Fischbach: „Hätte ich damals gesagt, es gebe Diabetes 2 im Kindesalter, wäre ich durchgefallen.“

„Eine unausgewogene Ernährung, die häufig bereits im Kindesalter erlernt wird, ist einer der Gründe für diese besorgniserregende Entwicklung“, heißt es in dem Brief. Die Autoren verweisen darauf, dass weltweit Länder Sonderabgaben oder -steuern für gesüßte Getränke eingeführt oder deren Einführung angekündigt haben. Dies zeige Wirkung. Hersteller minderten den Zuckergehalt und der Konsum der betroffenen Produkte gehe zurück.

Die Ärzte und ihre Unterstützer fordern von der Bundesregierung:

  • eine verständliche Lebensmittelkennzeichnung in Form einer Nährwert-Ampel
  • Beschränkungen der an Kinder gerichteten Lebensmittelwerbung
  • verbindliche Standards für die Schul- und Kitaverpflegung
  • steuerliche Anreize für die Lebensmittelindustrie, gesündere Rezepturen zu entwickeln  

Auch die mittlerweile messbaren Erfolge in der Tabak-Prävention seien schließlich nur mithilfe verbindlicher Vorgaben erreicht worden, betonen die Ärzte. „Allein Aufklärung reicht nicht, drei Viertel der Menschen wissen, wie gesunde Ernährung geht. Die Realität der Menschen muss sich verändern“, begründete Dr. Jens Baas, Vorsitzender der Techniker Krankenkasse, die Unterstützung seitens der Kasse. Von den zehn Millionen Versicherten der TK sei fast eine Million adipös. „Dabei geht es nicht darum, süß oder salzig zu verteufeln“, stellte der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes Martin Litsch klar. Es gehe schlicht um ein „weniger“. „Doch um das zu erreichen, braucht es gesetzliche Vorgaben.“ Längst sei klar, dass sich die Lebensmittelin­dustrie nur auf Druck bewege.

Ärzte haben kein Vertrauen in Freiwilligkeit der Industrie

„Bitte machen Sie Ernst mit der Prävention von Adipositas, Typ-2-Diabetes und anderen chronischen Krankheiten“, lautet der Appell der Ärzte und Unterstützer an die Budeskanzlerin, ihre Minister und die Parteivorsitzenden. „All diese Maßnahmen erfordern keine große Bürokratie, aber wir hätten die Chance, die Adipositas-Welle aufzuhalten und umzukehren“, ist Dr. Dietrich Garlichs, Beauftragter des Vorstands der DDG, überzeugt. „Den Tsunami der Lebensstilerkrankungen kann man nicht mit kosmetischen Maßnahmen stoppen.“

Die neue Bundesregierung hat bereits eine „nationale Strategie für die Reformulierung von Lebensmitteln“ angekündigt. Vom Effekt zeigen sich die Autoren allerdings nicht überzeugt, da bei der Umsetzung auf Freiwilligkeit der Industrie gesetzt wird. Zudem lehnt die neue Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft Julia Klöckner (CDU) wie schon ihr Vorgänger Christian Schmidt (CSU) Steueränderungen und Nährwert-Ampel ab. Kritiker vermuten dahinter Inter­essenskonflikte zwischen Agrarpolitik und Verbraucherschutz. Sie fordern die Anbindung beider Bereiche in verschiedenen Ministerien.

Es sei naiv, wenn die Regierung auf Freiwilligkeit setze, sagte dazu Oliver Huinzinga von foodwatch. Die Gewinnspanne bei Zucker sei schließlich dreimal so hoch wie bei Obst und Gemüse. „Minis­terin Klöckner täte gut daran, auf die Stimmen aus der Fachwelt zu hören.“

Äußerungen seitens des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde lassen an einer konsequenten Umsetzung von Selbstverpflichtungen zweifeln. Christoph Minhoff, Hauptgeschäftsführer des Spitzenverbandes, erklärte: „Wir als Lebensmittelwirtschaft benötigen keine Belehrungen von Interessengruppen.“