Zuckersteuer: Klöckners Kuschelkurs knacken

Gesundheitspolitik Autor: Thomas Trappe

Arzt und Comedian Dr. Eckart von Hirschhausen warnt vor Süßgetränken. © Thomas Trappe

Foodwatch fordert Ernährungsministerin Julia Klöckner auf, eine „Limo-Steuer“ wie in Großbritannien einzuführen. Anders sei die Industrie nicht zu einem Umsteuern zu bewegen. Der Zuckergehalt in „Erfrischungsgetränken“ hat sich jedenfalls trotz breiter Debatten in den letzten Jahren nicht verringert.

Es ist nicht ungewöhnlich, bei gesundheitspolitischen Terminen in Berlin Dr. Eckart von Hirschhausen zu begegnen. Es ist fast immer ein Indiz dafür, dass ein Thema eine breite Aufmerksamkeit bekommen wird. Und so waren die Verantwortlichen der Verbraucherorganisation Foodwatch sicher sehr zufrieden, als der Arzt und Entertainer spontan ihre Präsentation unterstützte, in der sie die Bundesregierung aufforderten, endlich eine Zuckersteuer zu erheben.

Adipositas-Epidemie trifft vor allem die Kleinen

Allein auf dem wenige hundert Meter langen Weg vom Hauptbahnhof zur Bundespressekonferenz, so berichtete Dr. von Hirschhausen, habe er genügend füllige Kinder gesehen, um zu wissen, dass das Anliegen dringend sei. „Wir wissen alle, dass ein Kind, das erst mal dick ist, sehr schwer wieder abnimmt“, sagte er. Und fasste damit zusammen, wofür auch Foodwatch, der AOK-Bundesverband und ein Ernährungsmediziner plädierten: für einen engagierten Kampf gegen die drohende Adipositas-Epidemie, die vor allem Kinder treffen dürfte.

Es ist nach 2016 die zweite Marktanalyse der Nichtregierungsorganisation zum Thema Zucker. Für die Studie wurden sämtliche in den Handelsketten Edeka, Rewe und Lidl verkauften Limonaden, Cola-Getränke, Energy-Drinks, Saftschorlen, Brausen, Eistees, Near-Water- und Fruchtsaftgetränke auf ihren Zuckergehalt untersucht und dieser mit den Werten von 2016 verglichen.

Als Maßstab für Überzuckerung wurde ein Wert angesetzt, der in Großbritannien seit April dieses Jahres eine Zuckersteuer auslöst. Auf der Insel muss für alle Getränke mit mehr als 5 % Zucker eine Sonderabgabe gezahlt werden, ab 8 % erhöht sich der Satz nochmals.

Die Analyse habe nun gezeigt, dass 345 Produkte bzw. 58 % der 600 untersuchten Getränke über dem Wert von fünf Gramm Zucker je 100 Milliliter lägen, fasste Studienleiterin Luise Molling zusammen. „Es hat sich nichts getan“, so Molling, denn 2016 seien es 59 % gewesen. Gut ein Drittel der Getränke habe 8 % Zucker enthalten – genauso viele, wie es vor zwei Jahren gewesen sind. Immerhin habe sich der Anteil der Getränke, die keinen Zucker oder Süßstoff enthielten, auf 2 % verdoppelt (13 Produkte). Am süßesten seien die bei Jugendlichen beliebten Energy-Drinks, der Spitzenreiter enthält 83 % Zucker bzw. 27,5 Zuckerwürfel pro 500-Milliliter-Dose.

195 der untersuchten Getränke waren Süßstoffe zugesetzt. Auch sie seien keine gesunden Durstlöscher, gebe es doch Hinweise darauf, dass auch sie das Entstehen von Fettleibigkeit und Typ-2-Diabetes fördern könnten.

Gesucht: eine Strategie für weniger Fett, Zucker und Salz

Diese Ergebnisse zeigten, so Foodwatch, dass die Industrie nicht zum Umdenken bereit sei. Deshalb sei auch nicht davon auszugehen, dass freiwillige Zielvereinbarungen etwas bringen könnten. Derzeit arbeitet das Bundeslandwirtschaftsministerium an einer Nationalen Reduktionsstrategie, mit der Zucker, Fett und Salz in Fertigprodukten vermindert werden sollen. Beschlossen wurde das im Koalitionsvertrag.

Ministerin Julia Klöckner (CDU), die sich mit dem Bundesverband der Deutschen Ernährungsindus­trie zum Ernährungsgipfel zusammensetzen wird, zeigte bisher wenig Offenheit für eine Zuckersteuer – genauso wenig wie ihr Kollege Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). „Der Kuschelkurs von Julia Klöckner, die Lebensmittelindustrie zur Zuckerreduktion zu bewegen“, sagte Molling, „ist zum Scheitern verurteilt.“

Man brauche die Steuer nach britischem Vorbild. Allerdings ergänzt um eine Abgabe auf Süßungsmittel – denn die müssten ebenfalls reduziert werden, um die Geschmacksgewohnheiten der Menschen auf weniger Süße zu trimmen.

Letzte Chance, Verantwortung zu übernehmen

Dr. Kai Kolpatzik, Leiter der Abteilung Prävention im AOK-Bundesverband, betonte, dass die Industrie nicht mehr viele Gelegenheiten habe, ihren guten Willen zu zeigen. „Im Rahmen der nationalen Reduktionsstrategie haben Unternehmen eine letzte Chance, Verantwortung zu übernehmen“, so Dr. Kolpatzik. „Andernfalls sind gesetzliche Vorgaben unvermeidbar.“

Er sei trotz der ministeriellen Zurückhaltung zuversichtlich, dass sich die Stimmung in der Politik ändern könnte. „Wir haben viele Stimmen aus der Ärzteschaft, die das fordern“, sagte er. „Und auch in den Fraktio­nen gibt es immer mehr Äußerungen in diese Richtung.“ 

Quelle: Foodwatch-Marktstudie 2018 zu Erfrischungsgetränken: t1p.de/marktstudie-erfrischungsgetraenke