Laktoseintoleranz
Die Laktoseintoleranz ist eine Milchzucker-Unverträglichkeit – keine Allergie. Sie wird durch einen (relativen) Mangel des im Dünndarm lokalisierten Enzyms Laktase hervorgerufen. Er führt dazu, dass die in vielen Nahrungsmitteln enthaltene Laktose ab einer gewissen Zufuhrmenge nicht mehr in ihre resorbierbaren Bestandteile Galaktose und Glukose aufgespalten werden kann. Der Milchzucker gelangt unverdaut in den Dickdarm, wo er von den Darmbakterien vergoren wird. Die entstehenden Gase sowie osmotische Effekte rufen die Symptome der Laktoseintoleranz, u. a. Blähungen, Bauchkrämpfe, Durchfall, hervor.
Ursachen: Wie kommt es zur Laktoseintoleranz?
Es gibt eine genetisch bedingte primäre Laktoseintoleranz (Hypolaktasie) und eine sekundäre Form. Die sekundäre Form resultiert aus einer Schädigung des Dünndarmepithels z. B. durch Morbus Crohn, Zöliakie, Zytostatika oder Antibiotika. Nach Regeneration der Schleimhaut ist sie häufig reversibel.
Die primäre Laktoseintoleranz betrifft in Deutschland etwa 15 % der Menschen. Die allermeisten von ihnen sind im Laktase-Gen homozygot für Cytosin (C/C) oder Guanin (G/G). Bei ihnen nimmt die Laktosetoleranz nach der Umstellung von Mutter- bzw. Säuglingsmilch auf andere Nahrungsmittel nach und nach ab. Klinisch macht sich dies zumeist im Jugend- und Erwachsenenalter durch gastrointestinale Symptome bemerkbar. Ein angeborener Enzymmangel im Sinne einer Alaktasie ist sehr selten.
85 % der Bevölkerung weisen eine Genvariante auf, die dafür sorgt, dass Laktose auch nach der Entwöhnung von der Muttermilch gespalten werden kann. Bei ca. 75 % wurde im Verlauf der Evolution im Laktase-Gen ein Cytosin (C) durch ein Thymidin (T) ersetzt, bei 10 % lassen sich andere genetische Varianten für eine Laktasepersistenz nachweisen.
Symptome der Laktoseintoleranz: Von Blähbauch bis Durchfall
Aus unverdauten Laktosemolekülen entstehen im Dickdarm bakterielle Gärungsprodukte. Dazu gehören u. a. Kohlendioxid, kurzkettige Fettsäuren, Wasserstoff und Methan. Durch die freiwerdenden Gase und den osmotisch bedingten Wassereinstrom können folgende Symptome auftreten:
Völlegefühl
Blähungen/Trommelbauch
krampfartige Bauchschmerzen
Durchfall
Übelkeit, Erbrechen
Die Beschwerden machen sich frühestens eine halbe Stunde nach dem Verzehr laktosehaltiger Lebensmittel bemerkbar und erreichen ihren Höhepunkt nach etwa 1,5 bis 2 Stunden. Sie können über mehrere Stunden andauern.
Manche Betroffene berichten zudem über Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen, depressive Verstimmung und Schlafstörungen.
Diagnostik: Atemtest bestätigt klinischen Verdacht
Bei entsprechender Anamnese (Ernährungs-Symptom-Tagebuch über sieben Tage) und nach vorausgegangener körperlicher Untersuchung führt man zum Nachweis bzw. Ausschluss einer Laktoseintoleranz einen Belastungstest durch. Dieser erfolgt in der Regel in Form des H2-Atemtests, seltener als oraler Laktosetoleranztest.
H2-Atemtest
Bei der Vergärung von Laktose im Dickdarm entsteht u. a. Wasserstoff. Er wird ins Blut aufgenommen und über die Lunge abgeatmet. Mit einem speziellen Analysegerät lässt sich die Wasserstoffkonzentration im Exhalat der Patientin/des Patienten messen. Die erste Messung erfolgt nüchtern, vor dem Trinken einer Laktoselösung (bei Erwachsenen mit 50 g Laktose). Alle weiteren werden nach der Laktosebelastung im Abstand von jeweils 20 Minuten durchgeführt. Die letzte Messung findet nach zwei Stunden statt. Eine Laktoseintoleranz liegt vor, wenn mindestens zwei Werte ≥ 20 ppm über dem Ausgangswert liegen und die Patientin/der Patient typische Beschwerden einer Laktoseintoleranz entwickelt hat.
Eine bakterielle Fehlbesiedelung der Mundhöhle (z. B. durch Rauchen oder Kaugummikauen vor der Untersuchung) oder des Dünndarms kann zu falsch-positiven Ergebnissen führen. Falsch-negative Befunde sind ebenfalls möglich, z. B. wenn nach einer Antibiotikatherapie methanproduzierende Bakterien im Darm siedeln, die den von anderen Darmbakterien gebildeten Wasserstoff verbrauchen.
Oraler Laktosetoleranztest
Nüchtern sowie 60 und 120 Minuten nach oraler Gabe einer Lösung mit 50 g Laktose (bei Kindern 1–2 g Laktose/kgKG, max. 50 g) wird die Blutglukose gemessen. Kann der Milchzucker im Darm nicht ausreichend gespalten werden, bleibt der Anstieg des Blutzuckers um ≥ 20 mg/dl aus. Dies spricht für das Vorliegen einer Laktoseintoleranz.
Weitere Testverfahren
Zum Nachweis der primären Laktoseintoleranz stehen Gentests zur Verfügung.
In gastroskopisch gewonnenen Gewebeproben aus dem Dünndarm kann man den Laktasegehalt bestimmen. Das aufwendige Verfahren kommt nur selten bei speziellen Fragestellungen zum Einsatz.
Eine Ausschlussdiät bietet sich in den Fällen an, in denen ein Belastungstest nicht durchgeführt werden kann oder keine eindeutigen Ergebnisse liefert.
Differenzialdiagnosen
Differenzialdiagnostisch sind neben Grunderkrankungen, die eine Laktoseintoleranz auslösen können (z. B. Morbus Crohn, Zöliakie), u. a. folgende Erkrankungen/Unverträglichkeiten zu bedenken:
Nahrungsmittelallergien
Reizdarmsyndrom
Fruktoseintoleranz
Süßstoffabusus
Histaminunverträglichkeit
Therapie der Laktoseintoleranz
Bevor man mit einer laktosearmen Ernährung beginnt, sollte man idealerweise die Diagnose Laktoseintoleranz via Atemtest sichern.
In welchem Ausmaß milchzuckerhaltige Lebensmittel vom Speiseplan zu streichen sind, ist individuell sehr unterschiedlich. Die meisten Menschen vertragen bis zu 12 g Laktose auf einmal (z. B. 250 ml Milch) bzw. 24 g/d gut. Dies gilt vor allem dann, wenn der Milchzucker zusammen mit einer Mahlzeit oder anderen Lebensmitteln aufgenommen wird. Feste oder fetthaltige Nahrung verlangsamt die Verdauung im Magen, wodurch geringere Mengen Laktose auf einmal in den Darm gelangen. Oft genügt es bereits, Lebensmittel mit hohem Laktosegehalt gegen solche mit niedrigem auszutauschen.
Die wichtigste Quelle von Laktose sind Milch und Milchprodukte. Laktose kommt aber auch in vielen Fertigprodukten vor.
| Laktosegehalt von Milchprodukten | |
|---|---|
Milchprodukt | Laktosegehalt |
Muttermilch | 7,0 g/100 ml |
Trinkmilch (Kuh 3,5 %, Ziege, Schaf) | 4,2–4,6 g/100 ml |
Molke | 4,7 g/100 ml |
Buttermilch | 4,0 g/100 ml |
Kefir | 3,6 g/100 g |
Joghurt | 3,2 g/100 g |
Quark | 3,3 g/100 g |
saure Sahne (10 % Fett) | 3,6 g/100 g |
süße Sahne | 3,3 g/100 g |
Crème fraîche (30 % Fett) | 2,4 g/100 g |
Butter | 0,5 g/100 g |
Mozzarella 20 % | 3,3 g/100 g |
Mascarpone, Hüttenkäse | 3,3 g/100 g |
Parmesan und die meisten Hart- und Schnittkäsesorten | 0,0 g |
Die Ernährungstherapie erfolgt dreistufig
Stufe 1: Zunächst stellt man Frischmilchprodukte auf laktosefreie Varianten um und schränkt den Verzehr laktosehaltiger Nahrungsmittel drastisch ein. Zugleich verbessert man Lebensmittelauswahl und Essverhalten. Anzustreben sind gemüsebetonte Mahlzeiten mit ausreichend hohem Fett- und Proteinanteil, um die Magenverweildauer zu verlängern. Wie lange die laktosefreie bzw. -arme Ernährung beibehalten werden soll, ist strittig. Das Helmholtz Zentrum München geht in seinem Allergieinformationsdienst von max. 10–14 Tagen aus, die Gastro-Liga von 2–4 Wochen.
Stufe 2: Man beginnt, kleinere Laktosemengen in die Kost zu integrieren und steigert dann nach und nach die Dosis. Dadurch gelingt es, die individuelle, noch verträgliche Laktosemenge zu ermitteln.
Stufe 3: Sie entspricht der langfristigen Dauerernährung, bei der die optimierte Lebensmittelauswahl und das verbesserte Essverhalten beibehalten werden sollen.
Laktasetabletten vor der Mahlzeit?
Laktase in Form von Kapseln und Tabletten ist heute in jedem Drogeriemarkt erhältlich. Die Präparate sollen vor jeder laktosehaltigen Mahlzeit eingenommen werden. Wissenschaftliche Evidenz, dass sie die Symptome einer Laktoseintoleranz tatsächlich lindern, fehlt.
Häufige Fragen zur Laktoseintoleranz (FAQ): Was für Betroffene wichtig ist
Wie kommt es zur Laktoseintoleranz?
Eine Laktoseintoleranz kann genetisch bedingt oder Folge einer Erkrankung des Darms sein. Bei der genetisch bedingten Hypolaktasie nimmt im Laufe des Lebens die Produktion des Enzyms Laktase in der Dünndarmschleimhaut ab. Dies hat zur Folge, dass Milchzucker nicht mehr in ausreichendem Maß gespalten werden kann. Er gelangt in den Dickdarm und wird dort durch die Darmbakterien vergärt. Folge sind u. a. Blähungen, Trommelbauch, Bauchschmerzen und Durchfall. Zumeist entwickeln sich klinische Symptome erst ab dem Jugend- bzw. Erwachsenenalter.
Wie schnell kommt es zu Symptomen und wie lange halten sie an?
Die Beschwerden machen sich frühestens eine halbe Stunde nach dem Verzehr laktosehaltiger Lebensmittel bemerkbar. Sie erreichen ihren Höhepunkt nach etwa 1,5 bis 2 Stunden und können über mehrere Stunden andauern.
Sollte man wegen einer vermuteten Milchunverträglichkeit zum Arzt?
Ja. Auch wenn man sich sicher ist, dass Milchprodukte nicht vertragen werden, sollte man sich ärztlich untersuchen lassen. Denn hinter Blähbauch, Schmerzen und Durchfällen können auch andere Unverträglichkeiten oder eine Darmerkrankung stecken. Mithilfe eines Atemtests lässt sich der Verdacht auf eine Laktoseintoleranz sichern.
Muss man bei Laktoseintoleranz ganz auf Milchprodukte verzichten?
Nein. Die meisten Menschen mit Laktoseintoleranz vertragen Milchzucker in geringeren Mengen (12 g/Portion bzw. 24 g/Tag). Wo die individuelle Schwelle zur Unverträglichkeit liegt, lässt sich im Rahmen einer Ernährungsberatung/-therapie ermitteln.
Zudem lohnt der Blick auf den Laktosegehalt der verschiedenen Milchprodukte. So enthalten z. B. Butter, Parmesan und viele Hartkäsesorten kaum oder gar keine Laktose.