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Adipositas Übergewichtig und ungeduldig

Autor: Dr. Angelika Bischoff

Bestimmte Dopaminrezeptoren wiesen bei krankhaftem Übergewicht eine deutlich verminderte Bindungsfähigkeit für den Botenstoff auf. Bestimmte Dopaminrezeptoren wiesen bei krankhaftem Übergewicht eine deutlich verminderte Bindungsfähigkeit für den Botenstoff auf. © iStock/Tatiana
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Bei Adipösen arbeitet das dopaminerge Belohnungssystem im Gehirn anders als bei normalgewichtigen Menschen. Das wirkt sich auf das Verhalten aus – und zwar nicht nur beim Essen.

Nahezu unablässig wirken Essensreize auf uns und unser Gehirn ein – wenn wir Essen riechen oder schmecken, Nahrungsmittel oder die Werbung dafür sehen, eine Mahlzeit oder einen Snack verdauen. Stets ist dabei Dopamin involviert, das über dopaminerge Strukturen Hirnstamm, Mittelhirn und vor allem Teile der Basalganglien aktiviert, beschrieb Professor Dr. Annette Horstmann von der Universitätsmedizin Leipzig. Mittelhirn und Striatum wiederum sind mit dem präfrontalen Kortex verbunden, über den die höheren kognitiven Leistungen laufen, etwa Motivation und Assoziationslernen, Kosten-Nutzen-Abwägung und Arbeitsgedächtnis.

Probanden spielten um Geld und Essen

Die Antwort auf den Neurotransmitter entwickelt sich dynamisch, erläuterte die Neurowissenschaftlerin. Wer zum ersten Mal eine Erdbeere isst und den Geschmack als angenehm empfindet, schüttet daraufhin Dopamin aus. Beim nächsten Mal löst allein schon der Anblick der Frucht diese Reaktion aus und diese veranlasst dazu, zuzugreifen und die Erdbeere zu verzehren.

Bei adipösen Menschen unterscheiden sich die dopaminerg innervierten Regionen des Gehirns strukturell und funktionell von denen Normalgewichtiger, berichtete Prof. Horstmann. So weisen etwa die D2-Rezeptoren, eine Untergruppe der Dopaminrezeptoren, bei krankhaftem Übergewicht eine deutlich verminderte Bindungsfähigkeit für den Botenstoff auf. Dass dies nicht ohne Folgen für die Entscheidungen und das Essverhalten der stark Übergewichtigen bleibt, haben sie und ihr Team in verschiedenen Versuchsanordnungen gezeigt.

Unterschiede zwischen Adipösen und Normalgewichtigen bestehen zum Beispiel beim Assoziationslernen. In einer Versuchsanordnung konnten Probanden an einem Bildschirm ein rotes oder ein blaues Quadrat antippen, von denen eines mit einer Belohnung – Geld oder etwas zu essen – verknüpft war. Alle Teilnehmer hatten den Dreh umgehend heraus. Wurde die Farbe aber gewechselt, waren die Adipösen sehr viel schneller in der Lage, umzuschalten und die andere Farbe anzutippen. Dies galt unabhängig von der Art der Belohnung.

Auch bei einem Experiment, das die Fähigkeit zur Kosten-Nutzen-Abwägung untersuchte, zeigten sich Unterschiede zwischen Dick und Dünn. So entschieden sich stark übergewichtige Personen eher dafür, sofort eine kleine Belohnung zu bekommen, anstatt einige Wochen auf etwas Größeres oder Besseres zu warten. Offensichtlich haben Adipöse im Allgemeinen weniger Geduld und greifen lieber sofort zu, meinte die Referentin.

In einem anderen Versuch hatte die Arbeitsgruppe festgestellt, dass bei Normalgewichtigen der Antrieb, weiter um etwas Essbares zu spielen, rapide abnahm, wenn der Proband satt war. Fettleibige hingegen machten auch ohne Hunger mit nahezu unveränderter Motivation weiter.

Quelle: 55. Kongress der DDG (Deutsche Diabetes Gesellschaft; Online-Veranstaltung)

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