HWI, FHR und TOF: Entlassungsbriefe stellen Hausärzte oft vor Rätsel

Praxismanagement , Patientenmanagement Autor: Ruth Bahners

Wegen der Verwendung ungewöhnlicher, doppeldeutiger oder auch falscher Abkürzungen müssen Hausärzte oft nachschlagen, um Arztbriefe verstehen zu können. © iStock.com/chachamal

Mit „Abkürzungsfimmel, Sachkenntnismangel und nicht angepassten Textbausteinen“ haben Hausärzte in Entlassungsbriefen aus Kliniken zu kämpfen. Die Ärzte wünschen sich Übersichtlichkeit, Vollständigkeit und sprachliche Korrektheit.

In einer interdisziplinären Studie der Universität Düsseldorf wurden 197 Ärzte, überwiegend Hausärzte, zu ihren Erfahrungen mit Arztbriefen und dem Aufwand bei der Verarbeitung der Informationen befragt. Dabei gaben 96 % der Befragten an, schon mit missverständlichen Arztbriefen konfrontiert worden zu sein. Die Qualität der klinischen Entlassungsbriefe sei stark verbesserungswürdig, so die Schlussfolgerung der beiden Autoren Sascha Bechmann und Julia Riedel.

Entscheidend für Verbesserungen seien strukturelle und inhaltliche Standards, die bislang fehlten. Insbesondere vage Ausdrücke sowie lange und komplizierte Sätze wurden als Quellen für Probleme beim Verstehen genannt.

Nicht selten lesen Hausärzte mehr als zehn klinische Entlassungsbriefe pro Tag. Rund die Hälfte der befragten Haus­ärzte schätzt den eigenen Leseaufwand auf 30 bis 60 Minuten am Tag. Dabei lesen die wenigsten den ganzen Brief, nur rund ein Drittel der Befragten liest die Arztbriefe vollständig. Die meis­ten Haus­ärzte verschafften sich durch kursorisches Lesen einen Überblick.

Missverständliche und unvollständige Arztbriefe sind eher die Regel als die Ausnahme. 98,5 % der Mediziner gaben an, Arztbriefe in manchen Fällen nicht auf Anhieb zu verstehen. Dabei gehen fast 90 % der Befragten davon aus, dass unverständliche oder fehlerhafte Arztbriefe zu Behandlungsfehlern führen können.

„Eigene“ Abkürzungen machen Hausärzten Probleme

Logische Fehler, fehlende Informationen und vage Formulierungen eröffneten häufig Interpretationsspielräume. So ist von „gelegentlichen Blutabgängen nach jedem Stuhlgang“ die Rede oder „unter antihypertensiver Behandlung kam es zu normalen Blutdrücken“. Damit Hausärzte die konsiliarischen Schreiben ihrer Kollegen richtig verstehen könnten, seien Rückfragen oftmals unerlässlich.

Besonders Abkürzungen, die nicht der medizinischen Nomenklatur entsprächen, machten Probleme. Was soll FHR (fetale Herzfrequenz) bedeuten? Steht TOF für „Tetralogie of Fallot“ oder für „Trachea-Oesophageale Fistel“? Arztbriefe würden generell zu viele Abkürzungen enthalten. Unbekannte Abkürzungen ließen sich in der Regel nicht aus dem Kontext erschließen. Fast alle Hausärzte gaben an, sie müssten Abkürzungen oft nachschlagen.

Besonderen Wert legten die befragten Ärzte auf konkrete Handlungsempfehlungen wie Therapieempfehlungen und Entlassungsmedikation. Doch gerade hier sahen sie auch die meisten Probleme. Fast drei Viertel berichteten, dass es bei den Therapieempfehlungen häufig zu Unklarheiten oder Fehlern komme. Genauso bei der Entlassungsmedikation. Häufig sei nicht erklärt, warum das eine Medikament weggelassen und das andere verordnet wurde.

Floskeln und Textbausteine sind weitere Problemstellen

Dass notwendige Informationen häufig nicht leicht zu finden sind, könnte nach Auffassung der Autoren auch mit den Klinik-Fallpauschalen zusammenhängen. Denn die damit verbundene Dokumentationspflicht auch für ressourcenverbrauchende Nebendiagnosen blähe die Arztbriefe unnötig auf.

Arztbriefe sollten übersichtlich, vollständig und sprachlich korrekt sein. Kürze und Prägnanz sollten zu einem eindeutigen und raschen Verständnis beitragen. Auf Floskeln wie „Die Anamnese dürfen wir freundlicherweise als bekannt voraussetzen“ könne man gerne verzichten.

Die computergestützte Texterstellung bringe nicht die erforderliche Qualität. Vielmehr seien einfache Textbausteine eher fehleranfällig. Häufig fehle auch die Anpassung an die individuelle Patientengeschichte, so die Kritik der Hausärzte.

Problematisch sei auch die steigende Zahl der nicht-muttersprachlichen Ärzte in den Kliniken. Bemühungen, die kommunikative Kompetenz ausländischer Ärzte zu stärken, sollten auch den schriftsprachlichen Bereich einschließen, so die Empfehlung.

Über die wesentliche Bedeutung des Arztbriefes waren sich die befragten Ärzte einig. Fast 100 % bewerteten den Arztbrief als wichtiges Instrument der Arzt-zu-Arzt-Kommunikation. Deshalb solle das Schreiben eines Arztbriefes standardisiert und bereits im Medizinstudium gelehrt werden.

Medical-Tribune-Bericht