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Gehirnerschütterung: Für Senioren schon bei leichten Fällen lebensgefährlich

Autor: Maria Weiß

Risikofaktoren und Komorbiditäten tragen dazu bei, dass Schädel-Hirn-Traumata bei über 75-Jährigen schwerwiegendere Folgen haben. Risikofaktoren und Komorbiditäten tragen dazu bei, dass Schädel-Hirn-Traumata bei über 75-Jährigen schwerwiegendere Folgen haben. © iStock/LightFieldStudios
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Lange Zeit war das Schädel-Hirn-Trauma eher eine Verletzung jüngerer Menschen. Heute stellen dagegen Ältere die größte Patientengruppe. Der typische Verletzungsmodus: Sturz im häuslichen Umfeld.

Über 80 Jahre alt zu sein erhöht schon per se die Gefahr, zu stürzen. Als weitere Risikofaktoren kommen kognitive Defizite, eingeschränkte Sehfähigkeit und zahlreiche Komorbiditäten hinzu. Daher ist es nicht verwunderlich, dass aufgrund der demographischen Entwicklung der Sturz die häufigste Ursache des Schädel-Hirn-Traumas (SHT) darstellt, sagte Privatdozentin Dr. Nicole Terpolilli von der Klinik und Poliklinik für Neurochir­urgie am Klinikum Großhadern, München. Auch sportbedingte Unfälle sind bei Senioren gar nicht so selten. SHT im Skisport betreffen am häufigsten die Gruppe der 55- bis 64-Jährigen, Radunfälle passieren den Älteren vor allem beim Auf- und Absteigen.

Eine erste Einschätzung der Schwere des Schädel-Hirn-Traumas erfolgt in der Regel nach der Glasgow Coma Scale (GCS). Sie kann aber bei älteren Patienten sehr trügerisch ausfallen. Häufig hatten Senioren schon vor dem Unfall aufgrund vorbestehender Krankheiten einen abnormalen Score. Außerdem weiß man, dass trotz gleichem GCS-Score die Verletzung bei über 65-Jährigen viel schwerer ist als bei Jüngeren. Liegt der Score zwischen 13 und 15 (mildes SHT), haben ältere Menschen dreimal häufiger eine intrakranielle Blutung, berichtete Dr. Terpolilli. Verschiedene Biomarker wie S100b oder GFAP (glial fibrillary acidic protein) sind im Alter wahrscheinlich weniger sensitiv bzw. nicht evaluiert.

Mehr Zugspannung auf den Brückenvenen

Zahlreiche Faktoren tragen dazu bei, dass ein Sturz auf den Kopf bei Älteren schwerwiegendere Folgen hat. Sie neigen eher zu Mikroblutungen, die Autoregulationsmechanismen funktionieren nicht mehr so wie bei Jüngeren, Neuroinflammation und oxidativer Stress sind vermehrt. Zudem liegen häufiger Störungen der Blut-Hirn-Schranke vor und durch die Atrophie des Hinrparenchyms mit vergrößertem Subduralraum liegt mehr Zugspannung auf den Brückenvenen.

Zur Einschätzung der Prognose müssen die Komorbiditäten berücksichtigt werden. SHT-Patienten über 75 haben fünfmal häufiger relevante Vorerkrankungen (z.B. Hypertonie, Diabetes, Demenz) als Jüngere. Diese sind mit einem deutlich schlechteren Outcome, einer eingeschränkten Rehabilitationsprognose und erhöhter Mortalität assoziiert. Zudem stehen viele unter einer Antikoagulation und auch die Polypharmazie (> 5 Einzelmedikamente) ist ein unabhängiger Risikofaktor für die Mortalität beim schweren Schädel-Hirn-Trauma.

All dies trägt dazu bei, dass Schädel-Hirn-Traumata aller Intensitäten bei über 75-Jährigen eine höhere Mortalität sowie ein schlechteres funktionelles Outcome trotz Rehamaß­nahmen aufweisen. Viele Betroffene bleiben dauerhaft Pflegefälle. Allerdings behandelt man Ältere mit SHT auch schlechter. Auf invasive Maßnahmen und neurochirurgische Eingriffe wird häufiger verzichtet, die Patienten werden seltener in Level-1-Zentren verlegt und sie erhalten seltener eine Neurorehabilitation, berichtete Dr. Terpolilli.

Sie empfahl, die Prognose von älteren SHT-Patienten möglichst genau einzuschätzen und dabei prämorbiden Status, Antikoagulation, Medikation, Frailty-Scores und dezidiert den SHT-Score für Ältere zu berücksichtigen.

Angehörige in Therapieentscheidungen einbeziehen

Selbstverständlich ist eine vorhandene Patientenverfügung zu beachten. Die Kollegin hält es außerdem für wichtig, bei einer schweren Hirnverletzung jeden Therapieschritt zusammen mit den Angehörigen gut zu überlegen.

Quelle: Arbeitstagung NeuroIntensivMedizin 2021– digital

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