Parkinsonpatienten frühzeitig an ihrem Moschusgeruch erkennen

Autor: Maria Fett

Parkinsonpatienten und Moschusochsen ähneln sich, was den Geruch angeht. © iStock/Jiri Hrebicek

Wer unter Parkinson leidet, verströmt einen ganz besonderen „tierischen“ Geruch. Und das schon sehr früh im Krankheitsverlauf, lange bevor sich motorische Symptome bemerkbar machen. Eine neue Studie hat die ganz persönliche Erfahrung einer Britin bestätigt.

Etwa zehn Jahre, bevor ihr Ehemann Les im Alter von 45 die Diagnose Parkinson erhielt, nahm Joy Milne einen sonderbaren Geruch an ihm wahr. „Hast Du nicht geduscht?“, fragte sie ihn. „Hast Du Dir nicht richtig die Zähne geputzt?“ Als Les deshalb zunehmend wütender wurde, ließ Joy ihn in Ruhe. Der Körpergeruch aber blieb. In einer Selbsthilfegruppe für Parkinsonpatienten stieß sie Jahre später erneut auf den Duft. „Wow, die riechen genau wie Les“, erinnerte sich die heute 68-jährige Schottin in einem BBC-Interview.

The woman who can smell Parkinson's disease

© YouTube/BBC News

Kontrollproband als erkrankt erkannt

Dass Tiere menschliche Krankheiten erschnüffeln können, weiß man. Entsprechend trainierte Hunde sind beispielsweise in der Lage, Krebs, Diabetes und auch generalisierte Krampfanfälle am Geruch zu erkennen.¹ Aber sollten auch Menschen solche Fähigkeiten haben? Der Fall von Joy und Les Milne erregte nicht nur das Interesse der Öffentlichkeit. Kurz nach ihrer Entdeckung sprach die gelernte Krankenschwester den Neurologen Dr. Tilo Kunath­ an: Wieso redet eigentlich niemand darüber, dass Parkinsonkranke so eigenartig riechen? Der Kollege vom Centre for Regenerative Medicine, University of Edinburgh, lud Joy Milne daraufhin in sein Labor ein, um der Frage gemeinsam nachzugehen.

In einem Versuch sollte Joy an zwölf T-Shirts riechen. Sechs waren zuvor von bereits diagnostizierten Parkinsonpatienten getragen worden, sechs stammten von gesunden Erwachsenen. Joy hatte bei allen Erkrankten den richtigen Riecher und ordnete deren Hemden korrekt zu. Auch fünf der Kontrollen erkannte sie als gesund. Bei dem sechsten Freiwilligen nahm sie allerdings ebenfalls den „schweren, dicken Moschusgeruch“ wahr. Drei Monate nach dem Test erhielt dieser die Parkinson-Diagnose.

Inspiriert von Dr. Kunaths Untersuchung machte sich ein Team um Dr. Drupad­ K. Trivedi, Manchester Institute of Biotechnology, University of Manchester, daran, dem Phänomen weiter auf die Spur kommen. Mit an Bord: Joy Milne. Vor Kurzem veröffentlichten die Forscher ihre Ergebnisse, die nun helfen sollen, erstmals einen Test für die Früherkennung der Parkinsonkrankheit zu entwickeln.²

Aus den Erkenntnissen der T-Shirt-Studie von Mitautor Dr. Kunath schlossen die Wissenschaftler zunächst darauf, dass der typische Parkinsonduft vorrangig von Körperregionen mit hoher Talgproduktion auszugehen scheint, wie dem oberen Rücken und der Stirn. Die Überproduktion von Talg zählt schon länger zu den nicht-motorischen Symptomen der Erkrankung.

Um die einzelnen Duftkomponenten im Sebum zu identifizieren, entnahmen Dr. Trivedi und Kollegen Talgproben von 64 Freiwilligen – darunter 43 Parkinsonpatienten. Diese wurden erhitzt, die flüchtigen Moleküle aufgefangen, mittels Gaschromatographie getrennt und im Massenspektro­skop analysiert.

In der „Discovery-Group“ (n = 30) fand man 17 potenziell mit Parkinson assoziierte Substanzen. Neun davon erwiesen sich tatsächlich als parkinsontypisch, nachdem die Forscher ihre Relevanz anhand der Talgproben von 31 Teilnehmern der Validierungsgruppe geprüft hatten. Joy Milne bestätigte die einzigartige Duftsignatur in zwei verblindeten Geruchstests. Laut den Kollegen gilt es, besonders drei der Substanzen zu beachten: Eicosan, Hippursäure und Octadecanal. Deren Konzentrationen waren im Sebum der Erkrankten erhöht.

Spekulieren über die Ursachen des Geruchs

Warum das so ist, kann die Gruppe um Dr. Trivedi nur mutmaßen. Frühere Arbeiten zeigen zum Beispiel, dass es im Zuge des Parkinson zu spezifischen Veränderungen der Hautflora kommt. Viele Patienten leiden an Dermatosen, auf ihrer Haut finden sich vermehrt Malassezia-Spezies, schreiben die Kollegen. Ebenfalls vorstellbar sei eine veränderte mikrobielle Aktivität, die sich auf die Produktion von Metaboliten wie Hippursäure auswirken und so zu dem „stark an tierischen Ursprung“ erinnernden Geruch führen könnte. Welche Hypothese am Ende stimmt, sollen Studien an größeren Patientengruppen zeigen.

Britin hilft den Forschern auch weiterhin

Joy Milne will das Bestreben der Wissenschaftler, einen Früherkennungstest für Parkinson zu entwickeln, weiterhin unterstützen. Das sagte sie gegenüber der BBC. Für sie sei es sehr schwer gewesen, mit ansehen zu müssen, wie ihr Mann immer mehr an die Krankheit verloren ging. Les starb 2015 im Alter von 65 Jahren, 20 Jahre nach seiner Parkinson-Diagnose.

Quellen:
¹ Catala A et al. Scientific Reports 2019; 9: 4103
² Trivedi DK et al. ACS Cent Sci 2019; 5: 599-606

Medical-Tribune-Bericht