Zurück in die Zukunft! 20 Jahre AG Diabetes & Technologie: Rückblick und Ausblick

Autor: Prof. Dr. Karin Lange

Bei der 20. Jahrestagung der AG Diabetes und Technologie standen unter anderem aktuelle Entwicklungen der Diabetestechnologie im Fokus. Bei der 20. Jahrestagung der AG Diabetes und Technologie standen unter anderem aktuelle Entwicklungen der Diabetestechnologie im Fokus. © Олеся Болтенкова – stock.adobe.com

In der großen Halle 8 der Hochschule Fulda fand am 26. und 27. September die Jahrestagung der AG Diabetes und Technologie (AGDT) mit 195 Teilnehmern statt – wie bei der ersten Jahrestagung 20 Jahre zuvor trafen sich technikinteressierte Diabetesteams in der hessischen Domstadt. Die Tagung stand im Zeichen des persönlichen Wiedersehens und des wissenschaftlichen Austauschs im großen Plenum.

Als besonderer Gast wurde der Gründer und langjährige Vorstand der AG, Professor Dr. Helmut Henrichs, der extra aus Quakenbrück angereist war, mit stehenden Ovationen geehrt. Und sein Nachfolger im Amt, Professor Dr. Lutz Heinemann, war online aus San Diego dabei – wie immer auf dem aktuellsten technologischen Stand und mit einem humorvollen Augenzwinkern über den großen Teich.

Rückblick auf Fortschritte der Diabetestechnologie

Zum 20. Geburtstag der AG machte der Rückblick auf die Fortschritte der Diabetestechnologie deutlich, wie rasant sich Insulingaben und Möglichkeiten der Stoffwechselselbstkontrolle und damit das Leben von Menschen mit Diabetes verändert – und vor allem verbessert haben. Der allererste Insulinpen ging durch die Reihen und rief sentimentale Erinnerungen hervor. Ebenso machten historische Pumpen und erste CGM-Sensoren deutlich, wie schnell sich die Diabetologie gewandelt hat.

Was brauchen beeinträchtigte Menschen mit Diabetes?

Die Referenten Dr. Christine Bernd-Zipfel, Dr. Andreas Reichel, Dr. Guido Freckmann, Michael Naudorf und Professor Dr. Karin Lange schauten aber auch in Zukunft, wie Technologien noch besser an die Bedürfnisse vor allem der großen Zahl älterer oder beeinträchtigter Menschen mit Diabetes angepasst werden können. Dabei ging es um einfache, intuitive Handhabung, Hautschutz, geringere Belastung im Alltag und Zuverlässigkeit der Glukosedaten und Insulingaben. Hier wurde diskutiert, wie zukünftig intelligente Systeme Medikationen automatisiert an individuelle Bedürfnisse anpassen könnten.

Schwangerschaft und aktualisierte AID-Steckbriefe

Aktuelle Themen der Diabetestechnologie wurden in vier Symposien von erfahrenen Klinikern und Forschern vorgestellt und intensiv mit dem Plenum diskutiert. Die Gastgeberin der Tagung, Professor Dr. Claudia Eberle, führte im ersten Symposium zunächst durch das Thema Schwangerschaft und Diabetestechnologie, bei dem u. a. die aktualisierten AID-Steckbriefe von Gabi Müller-Hunold, Carolin Wehner und Dr. Sandra Schlüter vorgestellt und deren praktischer Einsatz in Schwerpunktpraxen mit dem Publikum diskutiert wurden. Wichtig war den Referentinnen außerdem eine gute Kommunikation dazu, wie Schwangere mit Diabetes durch Hebammen und Geburtshelfer in der Phase um die Geburt kompetent versorgt werden können.

Erste DiGA mit strukturierter Kommunikation mit dem Team

Das zweite Symposium fokussierte auf den aktuellen Stand der Apps und DiGA für Menschen mit Diabetes und/oder Adipositas. Die Zahl der Nutzer steigt langsam, auch die Zahl der DiGA, wobei DiGA zu psychischen Belastungen und Störungen sowie zu Adipositas und Diabetes zu den am häufigsten genutzten zählen. Die Gruppe der Nutzer ist mehrheitlich weiblich und gehört der Altersgruppe zwischen 30 und 60 Jahren an.

Dazu, wie diese Konzepte sinnvoll und effektiv in die Langzeitbehandlung von Menschen mit Diabetes integriert werden können, haben die Referenten Dr. Tobias Wiesner und Dr. Hajo Mühlen mit dem Plenum intensiv diskutiert. Eine Einführung in das Prinzip der DiGA vor dem Start durch das Diabetesteam, eine enge Einbindung in laufende Therapien und regelmäßige Rückmeldungen über Ergebnisse und ggf. Hindernisse könnten dazu beitragen, den nachhaltigen Erfolg der Gesundheitsanwendungen zu gewährleisten. Dies wird durch erste DiGA realisiert, die nicht nur punktuell CGM-Sensoren als didaktisches Element einsetzen, sondern auch eine strukturierte Kommunikation mit dem behandelnden Diabetesteam vorsehen.

Im dritten Symposium unter der Leitung von Dr. Dorothee Deiss zum Thema Technologie von Klein bis Groß berichtete PD Dr. Heike Saßmann zunächst über eigene Studien zu den Auswirkungen moderner Technologien auf den Alltag von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes. Positive Aspekte betreffen hier die größere Sicherheit vor Hypoglykämien, stabilere Glukosewerte tagsüber und vor allem nachts, aber auch weniger Belastung durch eine automatisierte Insulindosierung.

Andererseits werden Eltern und Kinder ständig gefordert, sich mit den Schwankungen der Glukosewerte auseinanderzusetzen, das Funktionieren aller Systemelemente zu überwachen und mit Stigmatisierungen wegen der sichtbaren Diabetestechnologie zu leben. Gerade Schulen und Kindertageseinrichtungen sind immer weniger bereit, Kinder mit Diabetes bei ihrer Therapie zu unterstützen, sodass Eltern nach qualifizierten Betreuern suchen müssen. Bis weit in das Jugendalter ihrer Kinder mit Diabetes hinein berichten Eltern von hohen emotionalen Belastungen dadurch, dass sie die Glukosewerte überwachen und ihre Jugendlichen zur Therapieadhärenz motivieren müssen.

Kein alleiniger Fokus auf das Erreichen von Glukosedaten

Aus Sicht der Betreuung Erwachsener mit Diabetes diskutierten Dr. Sandra Schlüter, Gabi Müller-Hunold und Heike Schulze, welchen Stellenwert die „sprechende Diabetologie“ zukünftig haben wird. Die Vielzahl an Glukosedaten könnte dazu verleiten, sich allein auf das Erreichen von Glukosezielen zu fokussieren und dabei die Lebenssituation der Patienten aus den Augen zu verlieren. Motivation zu einer lebenslangen Therapie gelingt nur vor dem Hintergrund des Wissens um die persönlichen Ziele, Barrieren und aktuellen Herausforderungen, darin waren sich die Referentinnen mit dem Publikum einig. Wichtig war hier zu überlegen, wie durch eine strukturierte technische Zusammenfassung aller klinischen Daten Zeit für eine individuelle Beratung der Patienten gewonnen werden kann.

Aktueller Stand der eCGM-ISO und zuverlässige Daten als Basis

Das Symposium 3 wurde durch die Darstellung des aktuellen Stands der eCGM-ISO durch Dr. Guido Freckmann abgeschlossen. Es wurde dabei deutlich, wie kritisch Patienten und ihre Therapeuten auf die CGM-Werte schauen und gerade bei der Nutzung von weniger evaluierten Systemen deren Zuverlässigkeit überprüfen sollten. Dabei wurde betont, wie wichtig es für alle Beteiligten ist, die Insulintherapie aufgrund zuverlässiger Glukosedaten zu steuern.

Überraschende Ausblicke auf die Zukunft

Das vierte und damit letzte Symposium zum Thema künstliche Intelligenz war auf die Zukunft der Diabetologie ausgerichtet. Professor Dr. Doris Weßels (Universität Kiel) führte als ausgewiesene KI-Spezialistin in das Thema „Vom Heute zum Morgen: KI-Technologien als Gamechanger im Gesundheitswesen?“ ein. Ausgesprochen lebendig mit überraschenden Ausblicken stellte Prof. Weßels dar, wie Suchmaschinen, Algorithmen, ChatGPT und KI-Technologien weltweit Informationen sammeln, verarbeiten und damit unser „Wissen“ steuern. Sie illustrierte aber auch die Grenzen und mögliche Verzerrungen beim maschinellen Lernen, denn nur die Informationen, die einem System zur Verfügung stehen, können verarbeitet werden. Der faszinierende Ausblick auf die Chancen und Erleichterungen durch die KI in der diabetologischen Arbeit, aber auch die Risiken hat bei allen Zuhörern Appetit auf mehr Informationen zum Thema Diabetes-KI gemacht.

Die ausgesprochen lebendige und interaktive Jahrestagung schloss mit einem herzlichen Dank an die Gastgeberin Prof. Claudia Eberle und die Hochschule Fulda sowie das Organisationsteam der Tria consulting & events um Nazan Bingöl und mit dem Ausblick auf ein persönliches Wiedersehen bei der Jahrestagung am 25. und 26. September 2026

Aktuelles über Diabetestechnologie und die neuen AID-Steckbriefe

Auf der Website der AGDT haben alle Interessierten Zugriff auf ein umfangreiches Informationsangebot rund um alles, was mit Diabetestechnologie zu tun hat.

diabetes- technologie.de

Die aktualisierten AID-Steckbriefe sind auf der Seite der AGDT abrufbar. Die Steckbriefe beschreiben Details zu jedem System nach dem CARES-Schema.

diabetes-technologie.de/steckbriefe-fuer-aid-systeme/

Quelle: Medical-Tribune-Bericht