
Therapie neu denken im hohen Alter Multimorbidität: Was Leitlinien oft vergessen

Dass Patientinnen und Patienten im fortgeschrittenen Alter multimorbide sind, ist heutzutage eher die Regel als die Ausnahme. So weisen mehr als 80 % der über 80-Jährigen mindestens zwei chronische Krankheiten auf, gut die Hälfte der Menschen dieser Altersgruppe hat vier oder mehr chronische Leiden, schreibt ein interdisziplinäres Team der Paracelsus Medizinischen Universität in Nürnberg. Empfehlungen aus den gängigen Leitlinien helfen in dieser Situation kaum weiter, da sie Krankheiten meistens isoliert betrachten, ohne dabei relevante Begleiterkrankungen oder funktionelle Einschränkungen der Betroffenen zu berücksichtigen. Mitunter stehen die Ratschläge zur adäquaten Behandlung sogar im Widerspruch oder in Konkurrenz zueinander, bemerken Prof. Dr. Markus Gosch und Kollegen. Vor diesem Hintergrund weist die Gruppe auch auf die Möglichkeit der Arzneimittelinteraktionen hin, die mit jedem neu verordneten Medikament steigt.
Den Gesundheitszustand individuell einschätzen
Bei der Entscheidung für oder gegen eine Therapie bzw. eine Operation ist es essenziell, den Gesundheitszustand individuell zu bewerten. Nur auf dieser Grundlage kann eine qualifizierte Risiko-Nutzen-Abwägung erfolgen, betont das Autorentrio. In diese Beurteilung darf nicht nur das Patientenalter einfließen, es müssen auch der psychische, physische und soziale Funktionsstatus sowie der Grad der Gebrechlichkeit, oft als Frailty bezeichnet, einfließen. Der Begriff Frailty steht für den Verlust der Leistungs- und Kompensationsfähigkeit des alternden Organismus aufgrund einer Leistungsabnahme in mehreren Organsystemen.
Die Autoren empfehlen, bei älteren Patientinnen und Patienten geriatrische Beurteilungen in das Vitalscreening zu integrieren. Es gibt viele Möglichkeiten, um Frailty, geriatrischen Syndromen und kognitiven Beeinträchtigungen vorzubeugen, darunter auch medikamentöse Therapien. Hierbei sollte immer die Zeit, die man bis zum Eintritt eines möglichen Nutzens annimmt, die sogenannte Time-to-Benefit, berücksichtigt werden.
Eine bedeutsame Frage bei der Behandlung multimorbider Menschen ist: Worauf legen die Betroffenen selbst Wert? Im höheren Alter stehen für die Betroffenen meist die gesundheitsbezogene Lebensqualität, der Erhalt der Unabhängigkeit im Alltag und das allgemeine Wohlbefinden im Vordergrund. Entsprechend sollte der Fokus auf Symptomkontrolle, dem Erhalt der körperlichen und kognitiven Funktionalität sowie der Reduzierung des Therapieaufwandes liegen. Eine bedarfsorientierte Versorgung von älteren multimorbiden Menschen erfordert die Zusammenarbeit in einem interdisziplinären Team, in dem unter anderem geriatrische und palliativmedizinische Fachkräfte mitarbeiten, betonen die drei Kollegen.
Selbstständigkeit erhalten, Beinkraft gezielt trainieren
Wesentlich für den Erhalt der Lebensqualität ist außerdem eine Optimierung des Seh- und Hörvermögens. Entsprechende Maßnahmen können Isolation, Depressionen und kognitiven Beeinträchtigungen vorbeugen. Um Selbstständigkeit und Teilhabe so lange wie möglich zu erhalten, sollte zudem die Kraft der unteren Extremitäten, vor allem des Quadrizeps, gefördert werden. Darüber hinaus ist es ratsam, soziale und psychische Aspekte zu berücksichtigen.
Quelle: Gosch M et al. Dtsch Med Wochenschr 2025; 150: 481-486; doi: 10.1055/a-2361-1753