Parkinson: Sturzgefahr durch Polypharmazie

Autor: Manuela Arand

Durch ihre Erkrankung sind Parkinsonpatienten ohnehin sturzgefährdet. Nehmen sie zusätzlich mehrere Medikamente ein, erhöht sich die Gefahr drastisch. © iStock.com/Squaredpixels

Wenn Patienten mit Parkinsonsyndrom altern, verändern sich Krankheitsbild und Therapieziele. Im Vordergrund steht, den Patienten im Leben zu halten. Das sichert auch seine Lebensqualität.

Bei jüngeren Parkinsonpatienten geht es vor allem darum, ihre Berufsfähigkeit durch eine symptomorientierte Therapie zu erhalten, Nebenwirkungen und motorische Spätkomplikationen zu vermeiden. Bei Älteren werden die Herausforderungen deutlich komplexer. Zum einen beeinträchtigen dopaminresistente Symptome die Lebensqualität, die bei einem älteren Parkinsonkranken ohnehin schon rund 20 % geringer ist als bei jemandem, der mit Mitte 50 einen Parkinson entwickelt, erklärte Professor Dr. Richard Dodel, Chefarzt am Geriatriezentrum Haus Berge der Universität Essen. „Selbst wenn Sie die Therapie optimal einstellen, werden Sie das niemals wettmachen können.“

HbA1c mit posturaler Instabilität assoziiert

Zum anderen verliert die Parkinsonmedikation bei alten Menschen an therapeutischer Breite, etwa weil die Nierenfunktion nachlässt und der Körperfettanteil sinkt. Zudem verursacht sie gehäuft Nebenwirkungen. Hinzu kommen Begleiterkrankungen, welche die Krankheit aggravieren und die Therapie erschweren. Ein Diabetes mellitus beispielsweise, der bei Parkinsonpatienten gehäuft vorkommt, verstärkt Bewegungsstörungen, kognitiven Abbau und Haltungsinstabilität. Dabei besteht ein linearer Zusammenhang zwischen HbA1c und posturaler Instabilität.

Jeder zweite Parkinsonkranke hat mindestens fünf Komorbiditäten und gilt damit als multimorbide. „Das schafft natürlich Probleme im Sinne einer Polypharmazie“, sagte Prof. Dodel. Hinter diesem unscharfen Begriff verbirgt sich vieles, von der falschen Indikation oder unbeachteten Kontraindikation über die inadäquate Dosierung und Einnahmedauer bis hin zu Neben- und Wechselwirkungen.

Nimmt ein Patient mehr als drei Medikamente ein, verdoppelt sich zum Beispiel sein Risiko, Schwindel zu entwickeln. Parkinsonpatienten – durch ihre Erkrankung ohnehin sturzgefährdet und im höheren Lebensalter erst recht – bringt die Multimedikation also zusätzlich in Gefahr. Fast die Hälfte der Kranken nehmen fünf bis neun, jeder zehnte sogar mehr als zehn Medikamente ein. „Wir haben bei sechs von zehn Patienten eine irrationale Therapie, die niemand mehr überblicken kann“, meinte Prof. Dodel. „Ich werbe dafür: Setzen Sie Medikamente ab!“

Versorgungslücken

Patienten mit fortgeschrittener Parkinsonerkrankung sehen manchmal jahrelang keinen Neurologen, weil sie den Weg in die Praxis nicht bewältigen können. Prof. Dodel berichtete von einer Patientin, die er im Rahmen einer Studie aufgesucht hatte. Bei der Frau war 19 Jahre zuvor eine tiefe Hirnstimulation begonnen worden, aber seit sieben Jahren hatte man sie nicht mehr kontrolliert. Die Batterien des Stimulators funktionierten schon lange nicht mehr, die Elektroden wuchsen wie kleine Hörner aus der Stirn heraus. Zwei Wochen stationäre Behandlung brachten die Patientin und ihre Parkinsonerkrankung zum Glück wieder ins Lot. „Wir müssen uns um Patienten mit fortgeschrittenem Parkinson kümmern und uns überlegen, wie wir an sie herankommen – das kann sehr schwierig sein“, betonte der Neurologe.

Die Absetz-Hemmschwelle sinkt mit der Zeit

Nach Erfahrung des Kollegen gibt es in der Geriatrie einige Klassen von Arzneimitteln, an deren Verordnung nie gerührt wird, selbst wenn die Zielsymptome längst verschwunden sind: Antidepressiva, Neuroleptika, Betablocker und Protonenpumpenhemmer. Die meisten Patienten können zumindest einen Teil der Medikation weglassen, ohne dass etwas passiert. „Hat man das ein paar Mal gemacht, sinkt die Hemmschwelle.“ Natürlich braucht ein Patient, der das Neuroleptikum absetzen soll, ein Sicherheitsnetz: Er muss wissen, dass er jederzeit anrufen kann und Hilfe bekommt. Wenn die Symptome zurückkehren, muss die Therapie eben wieder neu gestartet werden.

Stürze sind ein erhebliches Problem. Sechs von zehn Parkinsonpatienten stürzen mindestens einmal pro Jahr, mehr als jeder zehnte öfter als einmal pro Woche. Dabei unterscheiden sich die Stürze von denen gleichaltriger Menschen. Ein Parkinsonkranker fällt nicht die Treppe herunter, weil er eine Stufe übersehen hat, verdeutlichte Prof. Dodel. Er stürzt primär gegen die Wand, weil er die Balance verliert. Entsprechend häufiger erleiden die Patienten Knochenbrüche. Allein die Rate an Hüftfrakturen ist etwa viermal so hoch wie im Altersdurchschnitt.

Quelle: Kongressbericht, Neurowoche 2018