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Sport für Krebspatienten: „Ein effektiver Nebenwirkungs-Manager“

Autor: Mascha Pömmerl

1–1,5 Stunden Sport pro Woche müssen es schon sein, damit sich ­positive Effekte abzeichnen. 1–1,5 Stunden Sport pro Woche müssen es schon sein, damit sich ­positive Effekte abzeichnen. © NDABCREATIVITY – stock.adobe.com
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Sport wirkt bei Krebserkrankungen auf viele Aspekte positiv. Er verbessert die Prognose und senkt die Häufigkeit von Rezidiven und Nebenwirkungen. Zudem steigert körperliche Aktivität die Lebensqualität. Doch noch zu selten ist Training ein Bestandteil der Therapie.

Krebspatienten haben Studien zufolge teilweise ein stark eingeschränktes körperliches Fitnessniveau. Privatdozent Dr. Joachim­ Wiskemann von der AG Onkologische Sport- und Bewegungstherapie am Nationalen Centrum für Tumor­erkrankungen Heidelberg rief in diesem Zuge eine Untersuchung der eigenen Arbeitsgruppe ins Gedächtnis. Mittels Fahrradspiro­ergometrie beurteilten die Forscher bei 222 Patientinnen mit nicht­-metastasiertem Mammakarzinom die Ausdauerleistungsfähigkeit.

Sport kann Leistungsfähigkeit trotz Chemotherapie erhalten

„Die oft noch jüngeren Patientinnen waren weniger fit als untrainierte, normalgewichtige und gesunde Frauen. Nach einer adjuvanten Chemotherapie lag das Niveau teilweise nahe dem von Patienten, die auf eine Herztransplantation warten“, schilderte Dr. ­Wiskemann­. Vor diesem Hintergrund sei körperliches Training ein Muss für Krebskranke.

Patienten können durch körperliches Training ihre Kraft- und Ausdauerleistungsfähigkeit und damit ihre körperliche Funktionsfähigkeit im Alltag steigern, was wiederum signifikant positiv auf die Lebensqualität wirkt. Hierzu lägen eindeutige Studiendaten vor für Mamma- und andere gynäkologische Karzinome, für Prostata-, Kolorektal- und Lungenkarzinome, für Hirn- und Kopf-Hals-Tumoren sowie für hämatologische Krebs­entitäten. Dr. ­Wiskemann: „Unter Chemotherapie kann die körperliche Leistungsfähigkeit durch das Training erhalten werden. Davor und danach kann sie signifikant gesteigert werden.“ Eng assoziiert mit der körperlichen Leistungsfähigkeit ist die Körperzusammensetzung, das Verhältnis von Muskel- zu Fettmasse, die ein durch Sport beeinflussbarer Prognosemarker ist. So geht Sarkopenie mit einem deutlich erhöhten Mortalitätsrisiko einher, wie der Referent erinnerte.

Körperliches Training und Bewegungstherapien eigneten sich „perfekt als Nebenwirkungsmanager“, sagte Dr. ­Wiskemann. Beispielsweise bescheinigen Metaanalysen und randomisiert kontrollierte Studien, dass körperliches Training die Fatiguesymptomatik sowohl während als auch nach Therapie positiv beeinflussen kann. Sport sei dabei dreimal effektiver als eine medikamentöse Therapie, betonte der Kollege. Die positiven Effekte zeigten sich unabhängig von der Krebsentität, dem Tumorstadium oder der Art der Intervention. Als effektive „Dosis“ nannte Dr. Wiskemann zweimal 45 Minuten oder viermal mal gute 20 Minuten Sport pro Woche und die Kombination aus aerobischen Übungen und Kraft­training. Patienten mit initial hohen Fatigue-Leveln profitieren am meisten. „Sport- und Bewegungstherapie stellt die effektivste Methode zur Prävention und Reduktion der krebsbedingten Fatigue-Symptomatik dar“, konstatierte der Experte.

Zudem senkt Sport das Risiko für postoperative Komplikationen, insbesondere für pulmonale Ereignisse. Als besonders diffizil aus bewegungstherapeutischer Perspektive bezeichnete Dr. ­Wiskemann hingegen ein Training für Patienten mit ossären Metastasen. Bislang gibt es zur Thematik nur wenige Studien. Und in diesen unterscheiden sich die Interventionsansätze. Beim „no load approach“ werden die betroffenen Strukturen nicht belastet und ein Ganzkörpertraining trotz ossärer Metastasen ermöglicht. Dagegen werden beim „individual load approach“ die Regionen mit Knochenmetastasten je nach betroffener Struktur und Stabilität der Metastasen belastet.3 

Was wie verordnen?

Derzeit ist Bewegung noch nicht in onkologische Strategien integriert. Dennoch gibt es Möglichkeiten, „Sport auf Rezept“ zu verordnen. Das Netzwerk OnkoAktiv informiert u.a. über diese Möglichkeiten:

  • Rehabilitationssport: Rezept für den onkolo­gischen Rehabilitationssport (Muster 56), Teilnahme an einer Rehabilitationssportgruppe. Von den ­Kassen werden initial 50–120 Bewegungseinheiten übernommen.
  • Krankengymnastik am Gerät/Physiotherapie: z.B. 3 x 6 Einheiten. ­Zusatzkosten für den Patienten möglich. Indikation für die Bewegungstherapie muss ein orthopädisches oder kardiologisches Symptom sein, nicht die onkologische Diagnose.
  • onkologische Trainings- und Bewegungstherapie: 12-wöchiges Programm, meist ohne zusätzliche Kosten für den Patienten. Derzeit allerdings nur für Versicherte der AOK Rheinland-Hamburg und für Versicherte der privaten Krankenkassen. Das Netzwerk OnkoAktiv bietet eine Suchfunktion für alle Angebote deutschlandweit.
  • zertifizierter Präventionssport: 12-wöchiges Programm. Kosten werden anteilig durch die Krankenkassen ersetzt. Eignet sich auch für die Rezidivprophylaxe von Patienten, die die Behandlung schon länger abgeschlossen haben.
  • Disease-Management-Programme: SGB V §137 f; Fokus Brustkrebs, Bewegungsprogramm kann mit eigenem Budget verbunden werden.

Mehr dazu auf:
bit.ly/OnkoAktiv_Abrechnung­

Mortalitätsrisiko fällt um bis zu 61 %

Laut den wenigen existierenden Daten reduzierten die Maßnahmen die Schmerzen, verbesserten die Kraft und körperliche Leistungsfähigkeit und erhöhten teilweise das lokale Therapieansprechen ohne Nebenwirkungen auszulösen.

Wer nach einer Krebserkrankung körperlich aktiver ist, hat Beobachtungsdaten zufolge eine geringere Rezidivhäufigkeit sowie eine geringere Mortalität. So fiel die Wahrscheinlichkeit für Ersteres um bis zu 23 % und für Letzteres um bis zu 61 %. Zudem treten sekundäre Krankheitsbilder seltener auf. Als Beispiel nannte der Onkologe kardiovaskuläre Komorbiditäten und Knochenverlust.

Für häufige Tumorentitäten, allen voran das Mammakarzinom, wurde außerdem belegt, dass das körperliche Aktivitätsniveau nach Diagnosestellung signifikant mit der Prognose assoziiert ist. Ein Grund hierfür ist, dass körperliches Training metabolische Faktoren und Entzündungsvorgänge im Körper positiv beeinflusst. Dazu kommen laut Dr. ­Wiskemann immunmodulierende Funktionen der Bewegung, das Immunsystem wird aktiver. Außerdem scheinen zirkulierende Tumorzellen empfindlich gegenüber mechanischem Stress zu reagieren, wie es durch körperliches Training entsteht, und damit einhergehendem erhöhtem Blutfluss und vermehrten Bewegungsreizen auf die Gefäße. Dieser Scherstress der Gewebestrukturen könnte dazu führen, dass Tumorzellen in die Apoptose gehen, was im Mausmodell bereits bewiesen wurde.

Quelle: Wiskemann J. 16. Onkologie-Update-Seminar

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