Antikoagulation bei Thrombose: Wie hoch ist das Rezidivrisiko?

Autor: Dr. Elke Ruchalla

Jeder Dritte mit unprovozierter Thrombose entwickelt binnen zehn Jahren nach Antikoagulations-Stopp ein Rezidiv. © iStock/Robocop

Thromboseschutz versus Blutungsrisiko – das ewige Dilemma, wenn es um die optimale Dauer der Antikoagulation geht. Neue Zahlen zum Thromboembolie-Rezidivrisiko nach Absetzen der Gerinnungshemmer sollen die Entscheidung erleichtern.

Die Antikoagulation nach einer venösen Thromboembolie dauert meist drei bis sechs Monate. Wegen des höheren Rezidivrisikos kommt in den Leitlinien vor allem für Patienten mit einem ersten unprovozierten Ereignis eine verlängerte Therapie infrage. Der Empfehlungsgrad ist aber schwach. Hauptsächlich, weil man wenig über das tatsächliche Langzeitrisiko weiß, schreiben Dr. Faizan Khan von der School of Epidemiology and Public Health, Universität Ottawa, und Kollegen.

Die Forscher haben deshalb 18 Publikationen (14 randomisierte Studien und vier prospektive Observationsstudien) mit insgesamt 7515 Teilnehmern ausgewertet. Alle Patienten hatten entweder eine spontane tiefe Venenthrombose bzw. Lungenembolie oder ein Ereignis aufgrund vorübergehender Minor-Risikofaktoren (z.B. Schwangerschaft). Die Antikoagulation erfolgte mindestens drei Monate und die Patienten wurden mindestens ein Jahr nach Absetzen der Behandlung nachbeobachtet.

Je länger die Gerinnungshemmung nach der ersten Thromboembolie her war, desto seltener kam es zu Rezidiven. Allerdings ergab sich über die Jahre eine beachtliche kumulative Inzidenz für ein Rezidiv:

  • 16 % nach zwei Jahren
  • 25 % nach fünf Jahren
  • 36 % nach zehn Jahren

Immerhin vier von hundert Betroffenen starben an diesem Zweit­ereignis. Männer lebten offenbar gefährlicher, ihr Wiederholungsrisiko betrug 41 % nach 10 Jahren (vs. 29 % bei Frauen). Auch der Ort der ersten Thrombose war entscheidend. So traten etwa nach Verschluss der proximalen tiefen Beinvenen fünfmal so oft neue Gerinnsel auf wie nach distalen Befunden.

Trotz dieser guten Daten bleiben für die Kommentatoren Dr. Behnood Bikdeli, New York, und Dr. Harlan M. Krumholz, New Haven, viele Frage offen. Denn 36 % kumulatives Risiko nach zehn Jahren heißt auch, dass zwei Drittel der Patienten offensichtlich keine Langzeitantikoagulation brauchen. Zumal ein Großteil der Rezidive im ersten Jahr nach Absetzen auftrat.

Für eine individualisierte Risiko-Nutzen-Analyse müssen zeitgemäßere Real-World- und randomisierte Studien her, so die Kollegen. Die Erkrankung sei schließlich prävalent genug, um bei der Entscheidungsfindung Licht ins Dunkel zu bringen.

Quellen:
Khan F et al. BMJ 2019; 366; DOI: 10.1136/bmj.l4363
Bikdeli B, Krumholz MH. BMJ 2019; 366; DOI: 10.1136/bmj.l4686