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Übertrainingssyndrom Athletisch, ambitioniert, ausgebrannt

Autor: Dr. Melanie Söchtig

Wenn der Körper bei Sportlern plötzlich nicht mehr so will wie bisher, liegt vielleicht ein Übertrainingssyndrom vor. Wenn der Körper bei Sportlern plötzlich nicht mehr so will wie bisher, liegt vielleicht ein Übertrainingssyndrom vor. © iStock/Paul Bradbury
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Wenn bei Sportlern die Leistung trotz unverändertem oder sogar intensiviertem Training abfällt, kann das auf ein Übertrainingssyndrom hindeuten. Oft wird dieses Problem zu spät oder gar nicht erkannt. Warnsignale umfassen physische ebenso wie psychische Parameter.

Das sog. Übertrainingssyndrom ist durch einen Leistungsabfall gekennzeichnet, für den es keine organische Ursache gibt und der auch nach längeren Regenerationsphasen von zwei bis drei Wochen anhält. Als weitere Indikatoren gelten verminderte Belastbarkeit, verzögerte Erholung und schnellere Muskelermüdung. Außerdem klagen Betroffene häufig über „schwere Beine“, Gelenk- oder Muskelschmerzen, Appetitverlust, Müdigkeit, Schlafprobleme sowie psychische Symptome, schreiben Dr. ­Alexander Schorb­ von der Paracelsus Medical University Salzburg und Kollegen.

Zuerst mögliche anderweitige Ursachen in Betracht ziehen

Letztere umfassen beispielsweise Unruhe, Reizbarkeit, emotionale Instabilität, wiederkehrende Angstzustände, Gleichgültigkeit oder Motivationsverlust.

Für das Übertrainingssyndrom gibt es keine eindeutigen Diagnosekriterien. Darum müssen zunächst anderweitige Gründe für den Leistungsabfall ausgeschlossen werden. Dabei sollte man insbesondere folgende somatische Ursachen in Betracht ziehen: Anämien, Pfeiffersches Drüsenfieber, Infektionen, Muskelschäden, Borreliose, endokrinologische Erkrankungen, ungesunde Ernährung oder Essstörungen, auffällige Organbefunde (z.B. Leber, Niere), Verletzungen des Bewegungsapparates, kardiale Erkrankungen, Asthma und Allergien.

Da es keine verlässlichen somatischen Diagnoseparameter gibt, bedarf es eines engen sportmedizinischen Monitorings unter Kenntnis der individuellen Ausgangswerte (z.B. Hormonstatus, Blutdruck, Puls, Herzratenvariabilität) und standardisierten Bedingungen. Darüber hinaus empfehlen die Kollegen eine sportpsychiatrische Begleitung, denn ein Übertrainingssyndrom kann auch mit einer depressiven Symptomatik einhergehen. Das Risiko liegt bei Einzelsportarten höher als beim Gruppensport und junge Leistungssportler sind besonders gefährdet.

Zur Vorbeugung sollten Sportler darauf achten, dass sie ihr Training abwechslungsreich gestalten, Raum für mindestens ein bis zwei Tage pro Woche lassen, in denen Wettkampf und spezifisches Training Pause haben, und die Intensität nicht um mehr als 10 % pro Woche steigern. Im Idealfall macht man zwei bis drei Monate pro Jahr eine Pause von der spezifischen Sportart.

Für das Monitoring kann es sinnvoll sein, ein tägliches Trainingsprotokoll zu führen. Darin festhalten sollten die Athleten u.a. Umfang/Distanz/Intensität/Zeit des Trainings, Herzfrequenz, BMI, körperliches Wohlbefinden, Ausmaß der Müdigkeit, Auftreten von Gesundheitsbeschwerden, Menstruation, Schlafqualität, Stressfaktoren und psychisches Wohlbefinden. Hierfür stehen verschiedene Online-Tools oder Apps zur Verfügung.

U.a. in der sportpsychiatrischen Betreuung wird das Synergetische Navigationssystem (SNS) eingesetzt, eine webbasierte Plattform zur Erfassung, Visualisierung und Analyse von Veränderungsprozessen. Es bietet die Möglichkeit, auffällige psychische Parameter in einen Kontext mit physiologischen Parametern und Leistungsfähigkeit zu bringen. Für die Erfassung des mentalen Status zum (Selbst-)Monitoring auf Übertraining eignen sich z.B. das Profile of Mood State (POMS), die Befindlichkeitsskala (BFS) oder der Erholungs-Belastungs-Fragebogen für Sportler (EBF-Sport).

Ausgleichende Sportarten und „Tapetenwechsel“ empfohlen

Das größte Problem besteht darin, dass als erste Reaktion auf Leistungseinbußen bei Sportprofis i.d.R. eine Trainingsintensivierung erfolgt. Ein Übertrainingssyndrom lässt sich daher nur überwinden, wenn es richtig erkannt wird, der Patient Trainingsintensität und -umfang deutlich reduziert und muskuläre, mentale und psychische Regenerationsmaßnahmen erfolgen.

Völlige Passivität ist in der Erholungsphase unnötig. Stattdessen werden ausgleichende Sportarten, Spiele, Gymnastik, Massagen, Sauna und Bäder zur Unterstützung der Regeneration empfohlen. Natur­erlebnisse oder ein „Tapetenwechsel“ können ebenfalls hilfreich sein. Psychosoziale Stressoren gilt es zu meiden.

Es gibt keine spezifische medikamentöse Therapie. Aufgrund der Überschneidungen mit Depressionen bezüglich neuroendokrinologischer Veränderungen empfehlen einige Experten eine Therapie mit SSRI. Bei starken Schlafproblemen kann eine Behandlung mit Trazodon erwogen werden.

Das Training sollte der Patient erst dann wieder beginnen, wenn er sich physisch und psychisch ausreichend erholt fühlt und wieder am Wettkampf teilnehmen möchte. Das kann im Einzelfall mehrere Monate, aber auch Jahre dauern. Bei der Wiederaufnahme des Trainings wird empfohlen, mit einer täglichen Belastung von etwa 20–30 Minuten zu beginnen, mit einem oder zwei trainingsfreien Tagen pro Woche. Danach kann man die Belastung in Absprache mit dem Sportarzt und Sportpsychiater individuell steigern.

Quelle: Schorb A et al. Dtsch Z Sportmed 2021; 72: 271-279; DOI: 10.5960/dzsm.2021.496

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