Bei Männerbusen die Hoden schallen

Autor: Michael Brendler

Ist es nun das Übergewicht oder liegt die Ursache für die vergrößerte Brust im Hormonhaushalt des Mannes? © iStock.com/ozgurdonmaz

Im Fall einer Gynäkomastie denkt man zunächst an Übergewicht, Nebennierentumoren oder Medikamente. Dass die Ursache aber auch im Hoden stecken kann, wird häufig vergessen.

Ein 32-jähriger Mann war bereits beim Gynäkologen, beim Endokrinologen und beim Urologen gewesen – doch über zwei Jahre hinweg ließ sich die Ursache für seine Gynäkomastie einfach nicht finden. In der Abteilung für Urologie und pädiatrische Urologie der Universität des Saarlandes kam man der Sache dann endlich auf die Spur, als die Ärzte um Dr. Philip Zeuschner­ bei der Ultraschalluntersuchung am oberen Pol des rechten Hodens eine 1,6 cm kleine echoarme Struktur ausfindig machten.

Von außen sei die Veränderung kaum tastbar gewesen, räumen die Autoren ein, weswegen sie dem Urologen offenbar entgangen war. Der hatte sich mit MRT und Ultraschall nur auf Abdomen und Nebenniere konzentriert. Weil hinter Gynäkomastien oft aber Hormonstörungen stecken, müsse immer auch an einen Tumor der männlichen Keimdrüsen gedacht und der Schallkopf an die Hoden gehalten werden, erinnern die Autoren.

Speck oder Drüse?

Bei einer Gynäkomastie müssen eine echte und eine Pseudogynäkomastie unterschieden werden. Hinter der unechten Vergrößerung der männlichen Brust steckt nur ein Mehr an Fettgewebe, hinter der echten eine Zunahme von Brustdrüsengewebe. Ursache der echten Gynäkomastie ist ein gestörtes Östrogen-Androgen-Gleichgewicht, etwa durch eine reduzierte Androgen- oder eine erhöhte Östrogenproduktion oder durch eine verstärkte Umwandlung von Testosteron zu Östradiol durch eine übermäßig aktive Aromatase (z.B. bei Thyreotoxikose, Klinefelter-Syndrom, höherem Lebensalter, Übergewicht). Differenzialdiagnosen sind chronische Nieren- und Leberkrankheiten, Drogen- oder Alkoholabusus sowie ein männlicher Brustkrebs.

Bei ihrem Patienten habe es sich um den seltenen Fall eines Leydigzelltumors gehandelt, so die Kollegen. Nur drei von einer Millionen Einwohnern der westlichen Welt erkranken an einem solchen Tumor, meist zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahrzehnt. Auftreten kann die Geschwulst auch in Samenstrang, Nebenhoden und Becken. Nur in bis zu 40 % der Fälle sind die Wucherungen hormonaktiv und verraten sich durch die Bildung von Testosteron, Östrogen oder deren Derivate.

Klassisches klinisches Symptom ist eine schmerzhafte Hodenschwellung, aber auch hinter Gynäkomastie, Erektionsstörungen, Libidoverlust oder Unfruchtbarkeit kann eine solche Neoplasie stecken. Manche Leydigzelltumoren sind allerdings auch unsymptomatisch. Beim beschriebenen Patienten war zunächst nur die Gynäkomastie augenfällig. Der Gynäkologe und der Endokrinologe, die ihn zuerst gesehen hatten, stellten zudem einen hypogonadotropen Hypogonadismus fest, samt erhöhtem Östradiol- und Prolaktin-Spiegel.

Nach Entdeckung der Geschwulst entschied sich das Team der Homburger Uniklinik zur Operation. Die Histologie belegte schließlich den seltenen Befund, ein malignes Geschehen konnte ausgeschlossen werden, und auch eine Streuung stellten die Ärzte nicht fest. Nach einem halben Jahr war die Gynäkomastie rückläufig. Zuvor hatte der Patient zwölf Kilo abgenommen und seinen Lebenstil geändert. „Wir empfahlen halbjährliche Nachsorgeuntersuchungen für die folgenden zwei Jahre, danach Check-ups im Jahresabstand sowie die Untersuchung von Brust und Abdomen per Bildgebung alle zwei Jahre“, enden die Autoren ihre Fallbeschreibung.

Quelle: Zeuschner P et al. Case Rep Urol 2018; 19: 7202560