Beschneidung: Die Entfernung gesunder Vorhaut bringt keine Vorteile!

Autor: Dr. Anna-Lena Krause

Die vollständige Zirkumzision wird üblicherweise ambulant vorgenommen. © Bühmann W. internistische praxis 2018; 59: 404–412, © Mediengruppe Oberfranken – Fachverlage GmbH & Co. KG, Kulmbach

In jeder Minute verlieren weltweit 25 Penisse ihr Präputium durch das Skalpell. Medizinisch notwendig ist die Zirkumzision jedoch selten. „Kein Urologe entfernt eine gesunde Blase oder Niere, warum also eine gesunde Vorhaut?“, fragt ein Experte.

Schon das Wort „Vorhaut“ führt in die Irre, meint Dr. Wolfgang­ Bühmann, Urologe und Androloge auf Sylt. Es suggeriert, das Präputium sei lediglich ein verzichtbares Anhängsel. Tatsächlich handelt es sich jedoch um ein hochspezialisiertes und multifunktionelles Gewebe, das eine Schutzfunktion erfüllt und eine wichtige Rolle beim Erleben sexueller Empfindungen spielt.

Im Vergleich zur Eichel enthält es eine hohe Anzahl spezialisierter Nervenenden, die essenziell sind für das Empfinden von Druck, Vibration und Schmerz. Wird eine gesunde Vorhaut entfernt, die keine Beschwerden bereitet, bietet das keine Vorteile. Demnach gilt es, eine leichtfertige oder medizinisch nicht notwendige Zirkumzision zu vermeiden.

Es immer zuerst mit Kortisonsalbe probieren

Bei 96 % der neugeborenen Jungen sind Eichel und Vorhaut noch fest miteinander verbunden (s. Abb. 1). Die gewaltsame Trennung schädigt also zwangsläufig die Glans, warnt der Experte. Eine Phimose besteht bei ca. jedem zweiten Jungen im ersten Lebensjahr, bei rund 10–20 % bis zum dritten und bei etwa 1 % im 18. Lebensjahr.

Besteht eine medizinische Indikation (s. Kasten), sollte immer zuerst eine konservative Therapie mit Kortisonsalbe versucht werden (z.B. Betamethason 0,1 %, 2 x/d über 4–8 Wochen auf den Präputialring, Wirksamkeit: 60–95 %, Rezidivrate nach 2 Jahren: 20 %). Bei Kindern startet man diese Behandlung erst nach dem 2. Lebensjahr. Bleibt der Erfolg aus, sollte die Zirkumzision zeitnah geschehen, noch vor dem Grundschulalter.

Wann die Zirkumzision Sinn macht

  • primäre Phimose mit wiederkehrenden Entzündungen oder Harnwegsinfekten
  • Schmerzen bei der Erektion
  • gestörte Miktion oder Harnverhalt
  • sekundäre Phimose (Vorhaut ließ sich vorher problemlos zurückziehen, nun treten dabei Schmerzen auf)
  • Verdacht auf Lichen sclerosus (s. Abb. 2)
  • Paraphimose (Vorhaut verklemmt sich hinter der Eichel, s. Abb. 3)
  • maligne Veränderungen der Vorhaut (s. Abb. 4)

Es gibt auch die Möglichkeit, die Vorhaut partiell zu entfernen, an der Narbe kann jedoch erneut eine Engstelle entstehen, sodass der Patient gegebenenfalls noch einmal unters Messer muss. Die Beschneidung erfolgt unter lokaler Betäubung oder in kurzer Vollnarkose. Komplikationen sind meist leicht und gut zu behandeln. Dennoch sollten sie ernst genommen werden, betont der Experte. Potenziell können auftreten:

  • Schmerzen, Schwellungen
  • Blutungen aus dem Narbenbereich
  • allergische Reaktionen (z.B. auf das Lokalanästhetikum)
  • Urethralfisteln (10 %)
  • Meatusstenose (23 %)
  • partielle Eichelamputation (8 %)
  • kompletter Penisverlust
  • Tod (0,013 %)

Nach dem Eingriff unterstützen desinfizierende, tanninhaltige Sitzbäder und panthenolhaltige Salbe die Heilung. Für Kinder eignen sich schmerzstillende Zäpfchen. Nach zwei Tagen dürfen die Patienten wieder duschen/baden, zwei bis drei Wochen später ist vorsichtiger Geschlechtsverkehr wieder möglich.

Auswirkungen auf das Liebesleben meist gering

Leichte Gefühlsstörungen im Bereich der Eichel treten selten und meist vorübergehend auf. Auswirkungen auf die Erektionsstärke gibt es nicht. Für die meisten Männer verändert die Beschneidung das Liebesleben kaum, jedoch unterscheidet sich die körperliche Wahrnehmung individuell sehr stark. Auch längere Zeit nach der Zirkumzision können sich psychische Störungen entwickeln.

Quelle Text und Abb.: Bühmann W. internistische praxis 2018; 59: 404–412, © Mediengruppe Oberfranken – Fachverlage GmbH & Co. KG, Kulmbach


Abbildung 1: Vorhautverklebung bei Säuglingen: Hier besteht kein Behandlungsbedarf! © Bühmann W. internistische praxis 2018; 59: 404–412, © Mediengruppe Oberfranken – Fachverlage GmbH & Co. KG, Kulmbach
Abbildung 2: Der Lichen sclerosus ist nicht ansteckend und zählt vermutlich zu den Autoimmun­erkrankungen. © Bühmann W. internistische praxis 2018; 59: 404–412, © Mediengruppe Oberfranken – Fachverlage GmbH & Co. KG, Kulmbach
Abbildung 3: Liegt eine Paraphimose vor, droht die Eichel abzusterben. © Bühmann W. internistische praxis 2018; 59: 404–412, © Mediengruppe Oberfranken – Fachverlage GmbH & Co. KG, Kulmbach
Abbildung 4: Bei Morbus Bowen handelt es sich um ein intraepidermales Carcinoma in situ. © Bühmann W. internistische praxis 2018; 59: 404–412, © Mediengruppe Oberfranken – Fachverlage GmbH & Co. KG, Kulmbach