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Insulintherapie Chronik eines Lebensretters

Autor: Alisa Ort

Viele Kinder auf der Welt können schon von einer Insulintherapie profitieren. Viele Kinder auf der Welt können schon von einer Insulintherapie profitieren. © iStock/www.fotogestoeber.de
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Insulin hat in der Kinderdiabetologie einen zentralen Stellenwert. Wie eng die Geschichte des Hormons mit der Entwicklung der Versorgung pädiatrischer Diabetes­patienten verknüpft ist, lässt sich – zumindest für das letzte Vierteljahrhundert – eindrucksvoll mit Daten aus dem DPV- Register darstellen, die Professor Dr. Reinhard Holl von der Universität Ulm anlässlich des 100-jährigen Jubiläums von Insulin auf der Diabetes Herbsttagung vorstellte. Er fand allerdings auch mahnende Worte mit Blick auf Gegenwart und Zukunft.

Seit 1995 fließen kontinuierlich Versorgungsdaten von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in die Diabetes-Patienten-Verlaufdokumentation (DPV). Mittlerweile umfasst die Sammlung Daten von insgesamt ca. 680.000 Patienten aus über 500 pädiatrischen und internistischen Zentren in Deutschland und Österreich, darunter knapp 155.000 Typ-1-Dia­betespatienten. Dabei wird festgehalten,

  • welche Insulintherapie die Patienten bzw. Familien gewählt haben und
  • welche Insulintherapie die behandelnden Ärztinnen und Ärzte empfohlen haben.

V.a. jüngere Kinder werden mit einer Insulinpumpe versorgt

„In den letzten 26 Jahren hat sich einiges verändert“, so Prof. Holl. Die Auswertungen zeigen: 1995 kamen bei Kindern und Jugendlichen mit Dia­betes ausschließlich Normalinsulin sowie NPH-Insulin und teilweise Zinkinsulin zum Einsatz. „Heute verwenden pädiatrische Patienten so gut wie kein Normalinsulin mehr, fast alle haben ein schnell wirkendes Analogon, manche auch ultraschnell wirksame“, berichtete der Experte. „Auch das NPH-Insulin ist ein Auslaufmodell.“ Bei den Verzögerungsinsulinen fiele die Wahl vor allem auf lang wirksame Analoga der ersten Generation. Beim Einsatz von Vertretern der zweiten Generation „ist die Pädiatrie noch ein bisschen vorsichtiger“, so der Epidemiologe.

Diese Entwicklung erkläre sich insbesondere mit dem Einsatz von Dia­betestechnologie bei pädiatrischen Patienten, insbesondere von Insulinpumpen. Gerade die jüngeren Kinder < 10 Jahren würden heutzutage mehrheitlich mit einer Insulinpumpe versorgt. „Vor gut 20 Jahren verfestigte sich die Überzeugung, dass schnell wirksames Analoginsulin in der Pumpe besser ist“, erklärte der Diabetologe. Lang wirksame Analoga hingegen spielten erst bei Jugendlichen eine zunehmende Rolle.

Insulin muss für alle Kinder auf der Welt zur Verfügung stehen!

„Leider gibt es einige Regionen auf der Welt, in denen sich in den letzten 100 Jahren in Sachen Insulintherapie nicht wirklich viel verändert hat“, kritisierte Prof. Holl. „Weil Insulin fehlt oder nicht bezahlbar ist. Diese ungleiche Verfügbarkeit von Insulin auf unserer Welt ist eine Schande für alle Gesellschaften, die daran etwas ändern könnten!“ Dazu gehöre auch Deutschland. Derzeit machen sich v.a. gemeinnützige Organisationen wie „Life for a Child“, „Insulin zum Leben“ oder das „Diabetes-Projekt The Gambia e.V.“ für den weltweiten Zugang zu Insulin stark.

Doch bei allen Fortschritten in den letzten Jahrzehnten, z.B. verbesserte Insuline, neue Verabreichungsmöglichkeiten, Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung, optimierte Schulungen von Patienten sowie die Weiterbildung der Diabetes­teams, stellte Prof. Holl die Frage: „Haben sich dadurch auch die Therapieergebnisse verbessert?“ Um dies zu beantworten, zeigte er eine aktuelle Auswertung von Prinz et al. im Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2022. „Wir sehen einen dramatischen Fortschritt bei der schweren Unterzuckerung“, die Ereignisse hätten sich über den Betrachtungszeitraum mehr als halbiert. Auch der Anteil an sehr schlecht eingestellten pädiatrischen Typ-1-Dia­betespatienten mit einem HbA1c von ≥ 9 % habe sich verkleinert. „Aber, dieser Fortschritt ist langsam“, mahnte Prof. Holl an. „Es sind immer noch 15 % unserer Patienten, die mit indiskutabel schlechter Stoffwechseleinstellung herumlaufen.“ Es sei wichtig, auch diese Patienten im Blick zu behalten und Möglichkeiten zu schaffen, auch sie an dem Fortschritt teilhaben zu lassen. „Unser pädiatrisches Ziel muss sein, eine Verbesserung aller Patienten hinzubekommen“, konstatierte Prof. Holl. 

Ein weiterer Aspekt, den er sorgenvoll betrachte, sei die Gewichtsentwicklung pädiatrischer Typ-1-Diabetes­patienten. Er verwies auf aktuelle Auswertungen, die zeigten, dass der BMI-SDS seit 1995 kontinuierlich ansteigt. „Vor allem in den letzten fünf Jahren geht es deutlich nach oben.“ Gerade im Hinblick auf kardiovaskuläre Risikofaktoren sei dies ein besorgniserregender Zustand. Weiterhin gäbe es keinen wirklichen Fortschritt bei der Rate diabetischer Ketoazidosen im Verlauf. „Wir müssen uns Gedanken machen, warum das nicht besser wird.“

Die Insulin-Reise ist sicher noch nicht abgeschlossen“, schloss Professor Holl seinen Vortrag, „und die technischen Entwicklungen ganz sicher auch nicht.“ Er zeigte sich zuversichtlich, dass klinische Studien darstellen werden, welche Neuerungen Verbesserungen bringen können. Gleichzeitig wies er darauf hin, dass „wir auch in Zukunft populationsbezogene Register benötigen, um zu zeigen, ob solche Entwicklungen auch Verbesserungen für alle Betroffenen bringen“.

Quelle: Diabetes Herbsttagung 2021

Prof. Dr. Reinhard Holl; Institut für Epidemiologie und medizinische Biometrie, Universität Ulm, ZIBMT und endokrinologisch-diabetologisches MVZ, DZD Prof. Dr. Reinhard Holl; Institut für Epidemiologie und medizinische Biometrie, Universität Ulm, ZIBMT und endokrinologisch-diabetologisches MVZ, DZD © zVg
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