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Pflege von Demenzkranken Das eigene Verhalten stets kritisch hinterfragen

Autor: Ulrike Viegener

Leitgedanke der Versorgung hochgradig Dementer sollte das Bewusstsein dafür sein, dass das emotionale Erleben bis zum Tod erhalten bleibt. (Agenturfoto) Leitgedanke der Versorgung hochgradig Dementer sollte das Bewusstsein dafür sein, dass das emotionale Erleben bis zum Tod erhalten bleibt. (Agenturfoto) © iStock/FredFroese
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Fast jeder dritte Alzheimerpatient befindet sich im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung. In der Forschung konzentriert man sich jedoch vor allem auf leicht bis mittelgradig Betroffene. Entsprechend unsicher fühlen sich Betreuende im Umgang mit schwerst Dementen.

Zunehmende Defizite der kognitiven und emotionalen Fähigkeiten, ein verändertes Sozial- und Kommunikationsverhalten sowie Inkontinenz und Schluckstörungen als Beispiele körperlicher Ausfälle machen das komplexe Krankheitsbild der schweren Alzheimerdemenz aus. Für die Versorgung braucht es spezielle Konzepte, die den Erkrankten, aber auch den Betreuenden Sicherheit geben. Allerdings hinkt man in der Forschung an diesem Punkt hinterher, wie Frank­ Aßmus­ und Richard­ Dodel­ vom Geriatrie-Zentrum Haus Berge in Essen schreiben.

Ihren Empfehlungen nach komme es im Umgang mit hochgradig dementen Patienten ganz besonders darauf an, ihnen ein Maximum an Lebensqualität zu bieten und ihre Würde zu bewahren. Leitgedanke der Versorgung sollte das Bewusstsein dafür sein, dass das emotionale Erleben bis zum Tod erhalten bleibt. Durch aufmerksames Beobachten lassen sich Gefühls­lagen erkennen wie beispielsweise:

  • Aufmerksamkeit und Interesse
  • Freude
  • Trauer
  • Ärger
  • Ängstlichkeit und Angst

Für die Kommunikation mit den Erkrankten sei es unerlässlich, sich auf ihre Gefühlswelt und Lebenswirklichkeit einzulassen. Dies setze ein hohes Maß an Empathie voraus. Versuche, die Patienten an „normalen“ Maßstäben zu messen, seien kontraproduktiv. Kritik, die sie aufgrund ihrer kognitiven Beeinträchtigung nicht mehr nachvollziehen können, provoziert Unwohlsein und Verunsicherung.

Betreuende beeinflussen das Verhalten des Patienten stark

Man dürfe nicht vergessen, dass es Patienten spüren, wenn ihre Welt infrage gestellt wird. Häufig reagieren sie dann mit Widerstand, der sich zum Beispiel in Verweigerung, Aggressivität und Weglaufen äußert. Ein solches herausforderndes Verhalten ist für die Betreuenden ein großes Problem, so die Autoren. Durch das eigene Verhalten trage man viel dazu bei, Unruhe und Aggressivität zu schüren oder aber zu entschärfen. Dies sollte man sich immer wieder klarmachen und dabei stets das eigene Verhalten kritisch hinterfragen.

Ebenso komme es im Umgang mit schwer Dementen darauf an, diese nicht zu überfordern. Ungewohnte und komplexe Situationen können Verwirrung, Angst und Aggression auslösen. Beruhigend und stabilisierend wirken dagegen eine vertraute Umgebung, Rituale sowie Situa­tionen mit nur einem Gegenüber.

Da sich die Betroffenen kaum noch rational mit etwas auseinandersetzen können, kommunizieren sie ausschließlich emotional, betonen die Geriater. Körpersprache, Mimik, Körperkontakt, Distanz – diese in unserer Kultur gemeinhin unterschätzen Aspekte der Kommunikation treten im Umgang mit schwer dementen Patienten in den Vordergrund. Auf der verbalen Ebene habe sich das sogenannte Spiegeln bewährt. Dies vermittle das Gefühl, verstanden zu werden. Spiegeln bedeutet, offen auszusprechen, welche Gefühlslage man beim Gesprächspartner wahrnimmt. Etwa: „Sie wirken verärgert“ oder: „Sie schauen so traurig“. Solche einfachen Aussagen kommen eher bei den Patienten an als Fragen nach ihrem Befinden. Versuche, negative Gefühle „auszureden“, funktioniere in aller Regel nicht.

Rumlaufen auf der Suche nach Geborgenheit

Ein gesteigerter Bewegungsdrang mit Herumirren und Weglaufen lässt sich bei rund 40 % der nicht-bettlägerigen Patienten mit schwerer Demenz beobachten. Im Umgang mit ihnen bringt Argumentieren laut den Autoren wenig. Auch ihnen klarmachen zu wollen, dass beispielsweise die Eltern, die sie gerade besuchen möchten, bereits tot sind, sei wenig erfolgversprechend. Die Suche nach den Eltern sei bei Demenzpatienten ein oft geäußerter „Weglauf“-Grund – vermutlich als Signal für das Bedürfnis nach Geborgenheit. Aber auch physiologische Phänomene wie Hunger, Durst, Harndrang oder Schmerzen können dahinterstecken.

Grundsätzlich sei es im Umgang mit Alzheimerpatienten im Spätstadium der Erkrankung wichtig, Ruhe auszustrahlen. Stress und Hektik übertragen sich und komplizieren eine Situation. Auch auf das rechte Maß an Nähe bzw. Dis­tanz komme es an. Aggressive Patienten sollte man nicht bedrängen, sondern eine wohldosierte Distanz bewahren. Ebenso wenig sollte man Betroffene mit Bewegungsdrang festhalten. Ideal wäre es, sie zu begleiten und dabei zu versuchen, sie abzulenken und so zur Umkehr zu bewegen (s. Kasten). Häufig werden die Spätstadien der Demenz als „vegetativer Zustand“ charakterisiert, so die Autoren in ihrem Fazit. Bei näherem Hinsehen jedoch zeige sich eine andere Wirklichkeit: In den meisten Fällen besitzen auch schwer demente Patienten Ressourcen für eine Kommunikation. Der Zugang zu den Betroffenen ist schwierig und zeitintensiv. Aber – und daran müsse man immer denken – Kommunikation ist sehr wohl möglich.

Quelle: Aßmus F, Dodel R. internistische praxis 2021; 64: 103-113

Im fortgeschrittenen Stadium des M. Alzheimer ist u.a. der Hippocampus stark atrophiert. Im fortgeschrittenen Stadium des M. Alzheimer ist u.a. der Hippocampus stark atrophiert. © Science Photo Library/Living Art Enterprises
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