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ATTD 2022 Endlich wieder lebendiger Austausch

Autor: Prof. Dr. Lutz Heinemann/Dr. Andreas Thomas

Die ATTD-Tagung 2021 fand pandemiebedingt rein virtuell statt. Dieses Jahr konnte man wieder vor Ort beiwohnen. (Agenturfoto) Die ATTD-Tagung 2021 fand pandemiebedingt rein virtuell statt. Dieses Jahr konnte man wieder vor Ort beiwohnen. (Agenturfoto) © iStock/fongleon356
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Für viele technikaffine Diabetologen war die Tagung Advanced Technologies for the Treatment of Diabetes (ATTD) im Februar 2020 in Madrid der letzte (internationale) Kongress, dem sie in Präsenz beiwohnen konnten. Die 15. Auflage der Tagung Ende April 2022 bot nach dem virtuellen Event 2021 wieder die Option, sich live vor Ort in Barcelona auszutauschen. Da alle Sessions auch live auf einer Online-Plattform und die ATTD-App gestreamt wurden, konnte man aber auch dieses Jahr virtuell teilnehmen.

Vor- und Nachteile eines Präsenz-Kongresses

Wer nach zwei Jahren Pandemie so langsam den Spaß an virtuellen Veranstaltungen verloren und Präsenz-Tagungen herbeigesehnt hat, der war vielleicht erstaunt, dass eine persönliche Teilnahme an einem Kongress durchaus auch mit einigen Nachteilen verbunden ist. Man denke zum Beispiel an die zeit- und ressourcenaufwändige Reiserei: Sie vergrößert den ökologischen Fußabdruck doch erheblich, während sie den Nächten gleichzeitig Schlafstunden raubt.

Die Vorteile einer leibhaftigen Teilnahme sind aber auch deutlich: Man trifft einfach ganz viele Menschen, fühlt sich als Teil einer Gruppe und kann sich ungezwungen über dies und jenes austauschen – und zwar eben nicht ausschließlich über die Fokusthemen, wie sie bei Videokonferenzen diskutiert werden. Ein buntes, aber auch anstrengendes Leben. Wie viele Veranstaltungen dieser Form braucht der Mensch? Nicht beliebig viele, dies ist durch die COVID-19-Pandemie klar geworden, aber eben schon auch einige. Wir sind schließlich soziale Wesen.

15 Jahre ATTD: von der Nische in den Mainstream

Die Diabetes-Technologie hat sich in den 15 Jahren, die es den ATTD nun gibt, massiv weiterentwickelt und ihren festen Platz in der Versorgung gefunden. Der ATTD bietet daher inzwischen drei vollgepackte Tage mit diversen parallel stattfindenden Symposien (von denen viele auch von der Industrie ausgerichtet wurden), was ein gewisses Saal-Hopping zur Folge hatte. Alles flankiert von diversen Meetings beim Frühstück, zum Mittag- oder Abendessen, was den Tag schon lang macht. Die meisten Vorträge wurden live gehalten, es gab aber auch eine Reihe von voraufgezeichneten oder per Video eingespielten Vorträgen, insbesondere von Kollegen aus den USA oder anderen fernen Ländern. Das Zusammenspiel aus Live-Podium und zugeschalteten Referenten stellte bei den Diskussionen so manchen Symposiumsleiter auf die Probe. Nicht immer gelang es, den virtuell teilnehmenden Vortragenden die Fragen wirklich verständlich zu übermitteln.

Doch abgesehen von diesen speziellen Herausforderungen des Hybrid-Formats lässt sich festhalten, dass der ATTD sich von einem kleinen Häufchen eingeschworener Fanatiker – also Leuten, die schon seit Ewigkeiten prophezeien, es werde in zwei bis drei Jahren vollautomatische AID-Systeme geben – zu einem richtig großen Kongress entwickelt hat (siehe Kasten). Dazu kommt eine große Industrieausstellung, bei der zwar einige prominente Teilnehmer fehlten, die dafür aber mit diversen kleinen Ständen für Start-ups aufwartete. Poster wurden sehr zeitgemäß nur noch in einem elektronischen Format präsentiert. Bedauerlich hierbei war lediglich, dass sie auf diese Weise in einer Ecke der Industrieausstellung etwas untergingen und damit deutlich „unter Wert“ liefen.

Themen: AID-Systeme, neue Insuline und Disparities

Der Kongress umfasst mittlerweile eine beeindruckende Bandbreite an Themen und Aspekten, die deutlich über „reine“ Diabetes-Technologie hinausgehen. So wurden neue Insuline und Insulin­applikationsformen ebenso behandelt wie Disparities, sprich der fehlende oder nur eingeschränkte Zugang von Patienten zu Diabetes-Technologie. Und natürlich wurden auch die neuesten Studienergebnisse zu Systemen zur automatisierten Insulindosierung (AID) präsentiert. Die beachtliche Anzahl von Teilnehmern, Sessions und Themen wirft allerdings auch die Frage auf, worin sich der ATTD noch von anderen großen Tagungen wie z.B. dem EASD-Kongress unterscheidet.

Der ATTD 2022 in Zahlen

In diesem Jahr besuchten 4.125 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 97 Ländern den Kongress – wobei nicht klar war, wie viele vor Ort waren und wie viele nur virtuell teilgenommen haben. Die Zahl der Teilnehmenden aus Dänemark war deutlich größer als die der Teilnehmenden aus Deutschland (wobei die nationale Verteilung vermutlich auch mit den Standorten entsprechender Hersteller zu tun hat). Es wurden 758 Abstracts eingereicht, es gab 30 wissenschaftliche Sessions, 12 Sessions mit Vorträgen (8 vor Ort und 4 virtuell), zwei ausschließlich virtuelle Sessions, 21 Industrie-Symposien, 23 Präsentationen in der Tech-Fair und 9 Sessions beim ATTD-TV.

Auf der ATTD-Education-Plattform (attd-education.com) sind die Inhalte für insgesamt drei Monate nach Kongressende einsehbar.

Der nächste ATTD wird vom 22.–25. Februar 2023 in Berlin stattfinden.

Aus naheliegenden Gründen hat sich die Szene in den vergangenen zwei Jahren weiterentwickelt – insbesondere bei der Digitalisierung und AID-Systemen. Zu den Highlights des ATTD zählten ganz sicher die Fortschritte bei den AID-Systemen – zumindest wenn man die Anzahl von Präsentationen zu einem gegebenen Thema als Messparameter für diese Bewertung ansetzt. Die (Haupt-)Organisatoren des ATTD, Moshe Philip aus Israel und Tadej Battelino aus Slowenien, waren wie schon in der Vergangenheit während des Kongresses im Dauereinsatz. Doch auch einige andere Kollegen, insbesondere aus den USA, hielten praktisch jeden Tag mehrfach Vorträge.  

Wie wird der ATTD in 5/10/15 Jahren aussehen?

Nach einem derart dichten Programm fragt man sich natürlich auch, wie solch ein Kongress in Zukunft aussehen wird. Immerhin werden einige der aktuellen „Führungsfiguren“ dann nicht mehr federführend aktiv sein, sondern jüngeren Kollegen das Feld überlassen. Das gilt für die Autoren dieses Beitrags ja auch.

Die neue Generation an ATTD-Aktiven wird sich in den kommenden Jahren sicherlich noch eine Weile intensiv mit AID-Systemen beschäftigen. Aber auch Smartpens rücken zunehmend ins Bewusstsein. Dazu gewinnt die virtuelle Patientenbetreuung zwischen den Arztvisiten an Bedeutung. Hierbei laufen die Daten von den diversen elektronischen Devices über cloudbasierte Datenbanken an das Behandlungsteam bzw. eine Künstliche Intelligenz, die den Patienten konkrete Hinweise zu ihrer Therapie im Alltag liefern kann.

Wie bereits in den vergangenen 15 Jahren war die Anzahl von Klinikern bzw. Praktikern aus Deutschland, die den ATTD besuchten, eher überschaubar. Angesichts des mit einem Kongressbesuch verbundenen Zeit- und Kostenaufwands ist dies zwar verständlich, gleichzeitig ist diese fehlende Repräsentanz aber auch schade. Denn die Möglichkeiten, auch für die konkrete eigene Arbeit etwas zu lernen, sind wohl nirgendwo anders so groß wie beim ATTD.

Kongressbericht: ATTD 2022

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