Entscheidung gegen Adipositaschirurgie fällt häufig aufgrund von Trugschlüssen

Autor: Michael Brendler

Ohne OP schaffen es hochgradig Adipöse meist nicht, dauerhaft abzunehmen. Auch nicht mit viel Disziplin. Ohne OP schaffen es hochgradig Adipöse meist nicht, dauerhaft abzunehmen. Auch nicht mit viel Disziplin. © iStock/cihatatceken; Science Photo Library/Zephyr

Stark Adipöse könnten von einer Magen­verkleinerung profitieren. Viele Patienten und Ärzte lehnen sie jedoch ab, denn mit Sport und Diät gelingt das Abnehmen schließlich auch. Aber das stimmt oft nicht.

Niemand erwägt eine Adipositas­chirurgie, wenn er keine Notwendigkeit dafür sieht. Damit wäre schon ein Grund genannt, warum viele gar nicht erst an einen Eingriff denken: Sie glauben, sie seien zu schlank dafür. Eine Umfrage in den USA ergab beispielsweise, dass rund jeder zweite Adipöse sich mit der Diagnose falsch eingestuft sieht und sich knapp 60 % der übergewichtigen für normalgewichtige Menschen halten.

Jeder Zweite denkt, komplett selbst verantwortlich zu sein

Einer weiteren Fehleinschätzung unterliegen viele, wenn es um die Ursachen geht, berichtet Dr. Gretchen­ E. Ames von der Abteilung für Psychiatrie und Psychologie der Mayo Clinic in Jacksonville zusammen mit Kollegen. Gene, das adipositasfördernde Umfeld der heutigen Gesellschaft und medizinische Ursachen bzw. Medikamente werden nur von den wenigsten als Faktoren akzeptiert, die zu dem hohen BMI geführt haben. Für jeden Zweiten handelt es sich um ein reines Lifestyle-Problem, das durch mangelnde Willensstärke und Bequemlichkeit entsteht und sich durch diszipliniertes „weniger Essen und mehr Bewegen“ lösen lässt. Doch insbesondere für stark Adipöse ist ein solcher Ansatz schwer umzusetzen. Nicht nur, dass sie pro Tag mindestens eine Stunde Sport treiben müssten, es wäre gleichzeitig eine deutliche Kalorienreduzierung notwendig, und das auf unbestimmte Zeit.

Reiht sich dann eine erfolglose Diät an die nächste, schämen sich die Betroffenen, was nicht nur dazu führt, dass sie sich „aufgeben“, sondern viele davon abhält, ihr Problem beim Arzt zu thematisieren. Von sich aus würden sie die Diskussion niemals anregen oder einen bariatrischen Eingriff ins Gespräch bringen, so die Autoren. Auch deswegen, weil die Adipositaschirurgie dann der Beweis für das eigene Versagen wäre und das Adipositas-Klischee insofern bedient, dass viele denken, eine OP wäre der bequeme Weg. Gleichzeitig haben die Patienten Angst vor den Risiken einer derart invasiven Gegenmaßnahme. Insbesondere die Adipösen, die am meisten davon profitieren würden, zeigten die meisten Ängste und Vorurteile, lautet die Einschätzung der Autoren.

Risiken bleiben im Rahmen

Adipositaschirurgische Maßnahmen, wie der Schlauchmagen (vertical sleeve gastrectomy) oder der Roux-en-Y-Magenbypass, werden inzwischen in der Regel laparoskopisch oder mit einem Roboter durchgeführt und haben eine Komplikationsrate, die sich mit einer Cholezystektomie vergleichen lässt. Die 30-Tage-Mortalitätsrate liegt, ähnlich wie bei der Knie-TEP, bei ca. 0,1 %.

Gut informierte Ärzte könnten diese Bedenken nehmen, aber gerade hier bestehe Nachholbedarf, appellieren sie. Nicht jeder sieht die Fettleibigkeit als ein eigenständiges Krankheitsbild. In einer Umfrage unter US-amerikanischen Medizinern wies die Mehrzahl die Schuld an Übergewicht und erfolglosen Diäten ebenfalls dem Lebensstil der Patienten zu. Faktoren wie hormonelle und metabolische Mechanismen, mit denen sich der Körper unter anderem bei jeder Diät gegen den Fettverlust wehrt, wird eine untergeordnete Rolle zugewiesen.

Dabei ist laut den Autoren längst erwiesen: Sogar die willensstärksten Patienten mit einer Adipositas von Grad 2 oder 3 werden es in der Regel ohne OP nicht schaffen, nachhaltig mehr als 5–10 % abzunehmen. Die Spezialisten fordern ihre Kollegen auf, die Komfortzone zu verlassen und sich angesichts dieser Tatsachen nicht mehr für die bequeme, risikoarme Lösung zu entscheiden: Nämlich mit den Patienten entweder nur über Lebensstiländerungen zu reden oder das Thema Gewicht gar nicht erst zu adressieren.

Adäquat auf Ängste, Scham und Geschichten eingehen

Selbst wenn Zweifel bestehen, dass psychologische Probleme oder Ähnliches einer solchen Lösung entgegenstehen, soll man statt aufzugeben, die Betroffenen lieber an ein spezialisiertes Zentrum weiterleiten.

Lebensstiländerungen seien zwar weiterhin das Fundament jeder erfolgreichen Therapie, sie sollten aber insbesondere bei stark Adipösen niemals die einzige Empfehlung bleiben, raten die Autoren. Gerade bei Patienten mit schlechten Diät-Erfahrungen sei beim Gespräch über Lebensstiländerungen Vorsicht angebracht, weil man sie so in ihrem Glauben bestärken könnte, versagt zu haben. Stellt man die Option baria­trische OP zur Diskussion, sollte man vorbereitet sein, betonen die Autoren, um adäquat auf Ängste, Scham und auch Geschichten aus Internetforen oder „von Bekannten“ eingehen zu können.

Quelle: Ames GE et al. Mayo Clin Proc 2020; 95: 527-540; DOI: 10.1016/j.mayocp.2019.09.019