Anzeige

Psychosomatik des Essens Erwartung an Lebensmittel beeinflusst Stoffwechselparameter

Autor: Dr. Angelika Bischoff

Essen ist Kopfsache: Angaben bezüglich des Zuckergehalts zum Beispiel können nicht nur die gustatorische Wahrnehmung beeinflussen, sondern sich auch auf den Blutglukosespiegel auswirken. Essen ist Kopfsache: Angaben bezüglich des Zuckergehalts zum Beispiel können nicht nur die gustatorische Wahrnehmung beeinflussen, sondern sich auch auf den Blutglukosespiegel auswirken. © lembergvector – stock.adobe.com
Anzeige

Nicht nur das Auge isst mit, sondern auch das Gehirn – mitunter lange bevor der erste Happen im Mund landet. Diese Erkenntnis eröffnet Möglichkeiten, Ernährungsgewohnheiten langfristig zu ändern.

Neuere Studien zeigen, dass Psyche und Gehirn bei der Entscheidung für oder gegen ein Nahrungsmittel eine ganz unmittelbare Bedeutung zukommt. Allein schon bestimmte Erwartungen, die man an eine Speise hat, erzeugen im orbitofrontalen Kortex ein ganz spezielles Aktivitätsmuster, beschrieb Professorin Dr. ­Soyoung ­Park von der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Diese Erregung entspricht ziemlich genau den Vorgängen, wie sie beim tatsächlichen Verzehr im Gehirn ablaufen. Folgerichtig können auch vermutete Eigenschaften eines Lebensmittels messbare metabolische Konsequenzen haben, so die Psychologin. Sie berichtete von einer Untersuchung, in der den Teilnehmern ein Milch­shake präsentiert wurde.

Falschen Energiegehalt vorgegaukelt

Die einen erhielten dazu die Information, dass es sich um einen Mix mit hohem Fett- und Kaloriengehalt handelt. Die anderen bekamen gesagt, sie hätten ein fett- und zuckerarmes Getränk vor sich. In Wirklichkeit aber bekamen alle das gleiche Produkt.

Eine Stunde nach dem Trinken des Milchshakes zeigten sich signifikante Unterschiede in den Ghrelin-Plasmaspiegeln der Testpersonen. Die Werte stiegen bei denjenigen, die vermeintlich eine Kalorienbombe bekommen hatten, signifikant stärker an als bei solchen, die die angeblich kalorienarme Variante zu sich genommen hatten.

In einer anderen Studie hatten die Probanden eine Zwischenmahlzeit zusammen mit unterschiedlichen Nährwertinformationen erhalten. Den einen wurde sie als kalorien- und zuckerhaltige Stärkung präsentiert, den anderen als niedrigkalorischer Imbiss ohne Zucker. Der tatsächliche Ener­giegehalt lag genau in der Mitte zwischen beidem.

Nach dem Verzehr sollten die Testesser den Zuckergehalt der Snacks einschätzen. Tatsächlich hatten diejenigen, denen der Snack als zuckerhaltig präsentiert worden war, den Happen als sehr süß empfunden, während ihn die anderen als deutlich weniger süß einstuften. Mehr noch: Bei ersteren stieg der Blutglukosespiegel nach der Mahlzeit stärker und höher an als in der Vergleichsgruppe.

Die Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Nahrungsmittel lässt sich natürlich beeinflussen, so Prof. Park. Ein hoher Preis etwa, der für das Produkt zu entrichten ist, kann zum Verzicht führen. Andererseits können hohe Kosten eine Nahrung aber auch attraktiver machen und den Effekt auf das Belohnungssystem des Konsumenten vergrößern. Wie die Entscheidung letztendlich ausfällt  – dafür oder dagegen – sei von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Erwartungen werden in einem Lernprozess angepasst

Neuronale Muster entwickeln sich nicht nur im orbitofrontalen Kortex, sondern schon früher in anderen, tieferen Regionen wie dem Hirnstamm und dem Striatum, erläuterte die Referentin. Sie entstehen durch Lernprozesse, d.h. die wiederholte Erfahrung. Wenn sich das Erlebte häufig wiederholt, festigt sich das Erwartungsmuster und wird dann vermutlich in höhere, präfrontale Regionen weitergegeben. Entspricht die Lebenserfahrung den Annahmen irgendwann nicht mehr, wird die Erwartung entsprechend angepasst.

Einen starken Einfluss auf die Entscheidungen beim Essen hat das soziale Umfeld. Dabei reicht bereits die Tatsache, dass ein anderer eine Speise näher in den Blick nimmt oder sie ignoriert, für die eigene Entscheidung aus, wie Prof. Park und Mitarbeiter mit eigenen Arbeiten zeigten.

Quelle: 55. Kongress der DDG*

* Deutsche Diabetes Gesellschaft; Online-Veranstaltung

Anzeige