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Deutschland Generationsspezifischer Darmkrebs

Koloproktologen-Kongress 2024 Autor: Friederike Klein

Bei Darmkrebspatient:innen zeigen sich altersabhängige Unterschiede, die auch versorgungsrelevant sind. Bei Darmkrebspatient:innen zeigen sich altersabhängige Unterschiede, die auch versorgungsrelevant sind. © appledesign – stock.adobe.com
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Die Inzidenz kolorektaler Karzinome bei unter 50-Jährigen nimmt in Deutschland zu. Etwa 5 % aller neu diagnostizierten Fälle betreffen diese Altersgruppe. Die Unterschiede gegenüber älteren Patienten sind durchaus versorgungsrelevant.

Bei Darmkrebsfällen gibt es eine Art Zäsur. Im Alter von bis zu 50 Jahren liegt häufiger eine positive Familienanamnese vor als bei Älteren. Zudem weisen diese early onset kolorektalen Karzinome (EO-CRC) häufiger eine defekte Mismatch-Reparatur oder hohe Mikrosatelliteninstabilität (MSI-H) auf als Tumoren bei Älteren (average onset, AO-CRC).1 Das berichtete Dr. Ulrich Wirth vom Darmkrebszentrum am Comprehensive Cancer Center München.

Eine Auswertung des prospektiven StuDoQ-Registers der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie brachte weitere altersabhängige Unterschiede zutage. Analysiert wurden 62.562 Datensätze zu chirurgischen CRC-Fällen aus den Jahren 2013 bis 2022, davon 3.513 mit Early-onset-Karzinom. Die perioperativen chirurgischen Ergebnisse sowie demografische und tumorbezogene Daten von EO-CRC (15–49 Jahre) wurden denen von AO-CRC (50–103 Jahre) gegenübergestellt. Das Durchschnittsalter der Kohorten lag bei 42,51 Jahren und 71,55 Jahren. 

Perioperative Versorgung

  • Signifikant häufiger primäre Anastomosen bei EO-CRC durchgeführt
  • Rate von kompletten mesokolischen und totalen mesorektalen Exzisionen vergleichbar zwischen EO-CRC und AO-CRC
  • Höhere 30-Tage-Mortalität und mehr operative Revision, Nachblutungen und Wundinfektionen bei über 50-Jährigen; zudem mehr nicht-chirurgische Komplikationen in dieser Altersgruppe (Pneumonien, Lungenarterienembolien, Myokardinfarkte und Schlaganfälle)
  • Keine Unterschiede in Bezug auf Anastomoseninsuffizienz und postoperativen Ileus

Die Analyse zeigte, dass Jüngere häufiger betroffen waren von: 

  • linksseitigen Tumoren (28,5 % vs. 25,5 %)
  • Rektumkarzinomen (46,9 % vs. 35,0 %)
  • Stadium III (32,2 % vs. 26,8 %)
  • Stadium IV (16,2 % vs. 14,1 %)
  • einer höheren Zahl an analysierten und infiltrierten Lymphknoten

Die Familienanamnese mittels Fragebogen der Deutschen Krebsgesellschaft wurde laut Register bei Early-onset-Patienten zwar häufiger erhoben, die Rücklaufrate blieb aber unter 60 %. Dr. Wirth zufolge sei unklar, ob die Dokumentation an dieser Stelle vollständig erfolgte. Eine positive Familienanamnese lag bei einem Drittel der jüngeren Kohorte und bei 10 % der älteren vor. Der Hälfte der EO-CRC-Patienten war eine humangenetische Beratung empfohlen worden, ein Drittel hatte sie auch in Anspruch genommen. Bei 75 % der jüngeren Kohorte lag zudem eine MSI-Analyse vor. Dr. Wirth betonte, dass der Test wegen seiner Bedeutung als Prädiktor für den Erfolg einer Immuntherapie unbedingt bei allen Early-onset-Patienten durchgeführt werden sollte.

Dr. Wirth wies darauf hin, dass die häufigeren positiven Familienanamnesen und fortgeschrittene Tumoren bei der jüngeren Kohorte für ein risikoadaptiertes CRC-Screening im Alter von unter 50 Jahren sprechen. Möglicherweise steigt die Akzeptanz für ein solches Screening, wenn bessere blut- und stuhlbasierte Tests verfügbar werden. Beispielsweise fand sich in der BLUE-C-Studie, die einen modernen Multitarget-Stuhl-Test untersuchte, eine Sensitivität von 93,9 % und eine Spezifität von 90,6 %.2 Im Vergleich dazu hat der iFOBT nur eine Sensitivität von 60–70 % bei einer Spezifität von 95 %.

Quelle: 49. Deutscher Koloproktologen-Kongress

1. Fiengo Tanaka L et al. Dtsch Ärztebl Int 2023; 120: 59-64; DOI: 10.3238/arztebl.m2022.0368
2. Imperiale TF et al. N Engl J Med 2024; 390: 984-993; DOI: 10.1056/NEJMoa2310336