Hauptsache cool: E-Zigaretten zielen auf junge Konsumenten

Autor: Manuela Arand

Das Design und die vielfältigen Aromen sollen bereits Jugendliche überzeugen. In den USA haben E-Zigaretten die High Schools längst erobert. © iStock/licsiren

Immer neue, immer coolere E-Devices wirft die Tabakindustrie auf den Markt. Das Design soll offenbar vor allem jugendliche Konsumenten anlocken. Angeblich macht der schicke Zigarettenersatz das Rauchen harmloser, doch Experten zweifeln daran.

US-Statistiken registrierten in nur einem Jahr 1,5 Millionen neue Nutzer sogenannter ENDS (electronic nicotine delivery systems), viele davon Jugendliche und junge Erwachsene. Das Design der Geräte ist darauf angelegt, jungen Menschen zu gefallen. „Der Raucheranteil unter Schülern und Studenten ist über Jahre gesunken – jetzt nimmt er wieder zu“, berichtete Professor Dr. Harold J. Farber vom Baylor College of Medicine in Houston. Allein in den High Schools stieg der Anteil von ENDS-Usern binnen eines Jahres um 78 %.

Nikotin aus Juul trifft das Gehirn schnell und hart

Einen nicht unbeträchtlichen Anteil daran hat Juul, ein System, das binnen weniger Jahre über 75 % Marktanteil gewinnen konnte und unter Experten aufgrund seines hohen Nikotingehalts als besonders bedenklich gilt. In den USA enthält eine Juul-Kartusche so viel Nikotin wie 20 herkömmliche Zigaretten (in Deutschland ist der Nikotingehalt aufgrund gesetzlicher Vorgaben deutlich niedriger).

Die Aufbereitung des Nikotins als Benzoat bei Juul trägt einerseits dazu bei, die Akzeptanz bei Erstanwendern zu steigern, weil sie unangenehme Begleiteffekte der freien Nikotinbase vermindert. Andererseits verstärkt sie die Nikotinaufnahme, sodass „Nikotin aus Juul das Gehirn schnell und hart trifft“ und dadurch den Kick potenziert, so Prof. Farber.

Vermutlich leidet die Schleimhautimmunität

Für Gehirne Heranwachsender ist das nach seinen Worten besonders gefährlich, weil kritische Phasen der Hirnentwicklung von nikotinischen Acetylcholinrezeptoren reguliert werden. Führt der Jugendliche ihnen in dieser Zeit von außen Nikotin zu, könnte das bereits die Grundlage für die spätere Sucht legen. Studien, denen zufolge Menschen, die in jungen Jahren E-Zigaretten konsumiert haben, später mit höherer Wahrscheinlichkeit zu „normalen“ Zigaretten greifen, stützen diese Vermutung.¹

Die gesundheitlichen Effekte von ENDS untersucht Professor Dr. Ilona Jaspers von der University of North Carolina in Chapel Hill. Ihr besonderes Interesse gilt den Liquids, die in Vapingsystemen Verwendung finden. Ihre Arbeitsgruppe hat beispielsweise den Effekt auf die Expression immunrelevanter Gene in nasalem Schleimhautepithel dokumentiert.² Alle 53 Gene, deren Aktivität sich bei Rauchern gewöhnlicher Zigaretten im Vergleich zu Nichtrauchern veränderte, waren auch bei E-Zigarettenrauchern betroffen – und noch 305 weitere. Die Genaktivität zeigte sich durchgehend herunterreguliert, was nahelegt, dass die Schleimhautimmunität leidet. Tatsächlich funktionieren für die Virusabwehr wichtige Mechanismen in der Atemwegsmukosa von E-Rauchern schlechter, unter anderem die Produktion von Interferon-gamma, das benötigt wird, um Influenzaviren unschädlich zu machen.³

Liquids enthalten viele Geschmacks- und Aromastoffe, die als GRAS eingestuft sind – generally regarded as safe. „Das gilt aber nur für die orale Aufnahme, was diese Substanzen anrichten, wenn man sie inhaliert, ist häufig kaum untersucht“, warnte Prof. Jaspers. Cinnam-Aldehyd beispielsweise, das Liquids Zimtgeschmack verleiht, stört die Funktion vieler Immunzellen: Makrophagen und Neutrophile schwächeln bei der Phagozytose von Bakterien, natürliche Killerzellen büßen ihre Fähigkeit ein, Tumor- und virusbefallene Zellen abzutöten. Ähnliche Effekte erzeugen auch Substanzen, die den Dampf nach Banane, Kirsche oder Vanille schmecken lassen.

Alle Systeme induzierten mitochondrialen Stress

Zu den vergleichsweise neuen Heat-not-burn (HNB)-Systemen (IQOS), die Tabak erhitzen statt ihn zu verbrennen, liegen noch nicht so viele Erkenntnisse vor wie zu den Vapingsystemen. Prof. Jaspers zitierte eine neue Studie, in der Atemwegs­epithelzellen in vitro gegen Zigarettenrauch, Vape und HNB exponiert wurden.⁴ Alle Systeme verringerten den Anteil lebender Zellen und induzierten mitochondrialen Stress. Die Unterschiede blieben marginal.

Es ist noch zu früh zu beurteilen, ob der Vormarsch der E-Zigaretten neue Krankheitsbilder mit sich bringen wird, räumte Prof. Jaspers ein. Fallberichte über Hypersensitivitätspneumonien bei jungen E-Usern lassen keine validen Schlüsse zu. Doch fällt auf, dass solche Erkrankungen parallel zum E-Zigarettenverbrauch ansteigen.

Quellen:
¹ Soneji S et al. JAMA Pediatr 2017; 171: 788-797; DOI: 10.1001/jamapediatrics.2017.1488
² Martin EM et al. Am J Physiology 2016; 311: L135-L144; DOI: 10.1152/ajplung.00170.2016
³ Rebuli ME et al. ATS 2019, Abstract A4170; DOI: 10.1164/ajrccm-conference.2019.199.1_MeetingAbstracts.A4170
⁴ Sohal SS et al. ERJ Open Res 2019; 5: 00159-2018; DOI: 10.1183/23120541.00159-2018

Kongressbericht: ATS (American Thoracic Society) 2019 International Conference