In der Allgemeinchirurgie vermehrt auf die Gebrechlichkeit der Patienten achten

Autor: Dr. Anja Braunwarth

Auch Hochrisikopatienten können von der Cholezystektomie profitieren. © iStock/Nerthuz

Die akute Galle gehört rasch operiert. Gilt das auch für sehr alte Patienten? Ja, sagt eine Allgemeinchirurgin. Zumal man nicht alle Senioren über einen Kamm scheren kann.

Die akute Cholezystitis stellt gemäß der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) eine Indikation zur frühzeitigen laparoskopischen Cholezystektomie dar. Im Klartext heißt das: innerhalb von 24 Stunden nach der Aufnahme, nicht nach Symptombeginn. Die frühe OP senkt Morbidität, Umstiegsrate beim Eingriff und Liegedauer.

Vom Alter ist da zunächst gar keine Rede, erklärte Professor Dr. Natascha C. Nüssler von der Klinik für Allgemein- & Viszeralchirurgie, endokrine Chirurgie und Coloproktologie an der München Klinik Neuperlach. Mehrere Untersuchungen zeigten ein erhöhtes Letalitätsrisiko für Senioren bei Notfall-OP, akuter Gallenblasenentzündung und Komorbiditäten. Das schlechtere Outcome beruht also vielmehr auf der mangelnden physiologischen Reserve als auf dem Alter selbst, konstatierte die Chirurgin.

Als Indikator für diese Reserve gilt die Gebrechlichkeit, neudeutsch Frailty, die sich schon klinisch meist gut erkennen lässt. Es existieren aber zudem verschiedene Scores, um ihr Ausmaß zu ermitteln. „Nicht alte, sondern gebrechliche Patienten sind gefährdet“, betonte Prof. Nüssler. Komorbiditäten steigern das Risiko natürlich zusätzlich. Dennoch hat sich immer wieder gezeigt, dass auch Hochrisikopatienten von der Cholezystektomie profitieren. Eine perkutane Drainage kann als Bridging dienen, um den Zustand evtl. zu verbessern, eignet sich aber nicht als Dauertherapie. Die Kollegin sprach sich daher gegen eine zurückhaltende Indikationsstellung bei Älteren aus.

Frailty spielt auch bei onkologischen Resektionen von Betagteren eine große Rolle, berichtete Professor Dr. Jörg C. Kalff von der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie am Universitätsklinikum Bonn. Außerdem hat in diesem Zusammenhang die Sarkopenie große Relevanz. Bei über 80-Jährigen gewinnt also der Ernährungs- und Aktivitätszustand an Bedeutung für den perioperativen Verlauf.

Nach Aussage von Prof. Kalff erlauben Risikorechner aus großen Datenbanken eine individuelle Abschätzung. In der onkologischen Chirurgie erweist sich z.B. der Charlson-Comorbidity-Index (ACCI), in den die Haupt- sowie 19 Begleiterkrankungen (z.B. Herzinfarkt, Diabetes, Demenz) einfließen, als guter Prädiktor.

Quelle: Viszeralmedizin 2019