Interstitielle Zystitis trifft vor allem Frauen mittleren Alters

Autor: Dr. Barbara Kreutzkamp

Die Harndrangproblematik kann mit Blasentraining angegangen werden. © iStock.com/Voyagerix

In ihrer Symptomatik ähnelt die interstitielle Zystitis diversen anderen Krankheiten, darunter rezidivierende Harnwegsinfekte und Endometriose. Da wundert es nicht, dass Patienten oft jahrelang zu Ärzten rennen, bevor die Diagnose steht. Mit einer neuen Leitlinie soll sich das ändern.

Eine weltweit einheitliche Definition der interstitiellen Zystitis gibt es nicht. Schwierigkeiten bereitet vor allem die Überschneidung zu Symptomen der überaktiven Blase und des Bladder-Pain-Syndroms (BPS). Diesen Schnittmengen versucht die Deutsche Gesellschaft für Urologie in ihrer Leitlinie „Diagnostik und Therapie der interstitiellen Zystitis (IC/BPS)“ gerecht zu werden.

Für die Experten handelt es sich um eine nicht-infektiöse chronische Harnblasenerkrankung mit den Leitsymptomen Schmerzen, Pollakisurie, Nykturie und imperativer Harndrang in unterschiedlicher Ausprägung und Kombination. Gleichzeitig müssen andere mögliche Ursachen ausgeschlossen sein. Die Krankheit verläuft rezidivierend bis progredient und die chronische Entzündung erstreckt sich über alle Schichten der Blasenwand. Diese Inflammation erklärt möglicherweise das erhöhte Risiko für Blasenkrebs, heißt es in der Leitlinie.

Die interstitielle Zystitis tritt prinzipiell in jedem Alter auf, die höchste Prävalenz findet man vor allem bei Frauen im mittleren Alter. Während der Episoden imponiert neben den Unterleibsschmerzen ein ständiges Harndranggefühl, entleert werden kann der Urin dann aber oft nur tropfenweise.

Im Spätstadium Schrumpfblase mit niedriger Kapazität

Der Leidensdruck ist hoch: Vier von fünf Betroffenen haben Probleme im Alltag. Offenbar bestimmen verschiedene psychopathologische Persönlichkeitsfaktoren und Verhaltensweisen den Verlauf. Im Spätstadium zeigt sich oftmals eine Schrumpfblase mit nur kleiner Kapazität, es werden aber auch Spontanremissionen diskutiert.

Ätiopathogenetisch kommen u.a. eine Urothel-Dysfunktion, Entzündungsreaktionen und eine neuronale Überaktivität infrage. Wie genau die Erkrankung entsteht, weiß man bislang nicht. Begleitend beobachtet man auch Beckenboden-Dysfunktionen und psychosomatische Belastungsstörungen. Assoziiert ist die Zystitis sehr häufig mit Unverträglichkeiten gegen ein breites Spektrum von Lebensmitteln. Besonders Zitrusfrüchte, Tomaten, Glutamat, künstliche Süßstoffe, Tee bzw. Kaffee sowie kohlensäure- und alkoholhaltige Getränke zählen zu den Produkten, die die Symptome verschlechtern können.

Die Diagnostik umfasst eine ausführliche Anamnese, idealerweise gestützt durch Miktions-Trink-Protokoll, Schmerztagebuch sowie entsprechende Fragebögen. Die Leitlinienautoren empfehlen die Inspektion des Genitalbereichs mit Lokalisation der Schmerzen sowie eine digital-rektale Untersuchung. Urinstreifentest und -kultur ergänzen das Prozedere. Der Urologe führt zusätzlich Urosonographie, Uroflowmetrie (bei Männern) sowie Zystoskopie durch, bei Bedarf wird die Harnblasenwand biopsiert. Differenzialdiagnostisch stehen praktisch alle Erkrankungen mit chronischen Unterbauchschmerzen zur Diskussion (s. Kasten).

Differenzialdiagnosen

  • Muskel-/Skelettsystem und Bindegewebe: z.B. Beckenbodendysfunktion, chronischer Rückenschmerz, Fibromyalgie, Hernien
  • gastrointestinal: z.B. chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, chronische Obstipation, Malignome
  • gynäkologisch: z.B. Endometriose, Fehlbildungen, Ovulationsschmerz
  • urologisch: z.B. Blasenfunktionsstörung, chronische Prostatitis, chronischer Harnwegsinfekt
  • neurogen: z.B. Herpes genitalis, Nervenkompressionssyndrom
  • psychisch: z.B. affektive Störungen, Anpassungsstörungen

Blasentraining mindert die Harndrangproblematik

Die Behandlung erfolgt multimodal und interdisziplinär, wobei Lebensstil- und Ernährungsumstellung, psychologische/psychiatrische Betreuung sowie eine Schmerztherapie die Basis bilden. So sind z.B. Unterkühlung, Stress und symptomtriggernde Nahrungsmittel zu meiden. Ein Blasentraining reduziert die Harndrangproblematik. Psychotherapeutisch steht die oftmals komorbid vorhandene depressive Verstimmung im Vordergrund, die Physiotherapie konzentriert sich vor allem auf den Spannungsabbau im überaktiven Beckenboden.

Weitere Optionen richten sich u.a. nach vorliegendem (zystoskopischem) Befund, Art und Schwere der Symptome und Patientenpräferenz. Grundsätzlich müssen laut Leitlinie alle Therapien hinsichtlich des aktuellen Zulassungsstatus bzw. Off-Labe-Use bei interstitieller Zys­titis geprüft werden. Zur Verfügung stehen z.B. Medikamente, intravesikale Therapien, Komplementärmedizin, Reha und letztlich interven­tionelle/operative Verfahren.

Quelle: S2K-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Interstitiellen Cystitis (IC/BPS)“, AWMF-Register Nr. 043/050, www.awmf.org