Kein Freifahrtschein für Tabakerhitzer, fordert Professor Dr. Tobias Welte

Autor: Manuela Arand

Es ist unklar, ob beim Heat-not-burn-System neue Schadstoffe entstehen und was das für Langzeitfolgen nach sich zieht. © iStock/master1305

Die Tabakindustrie erklärt, Heat-not-burn-Systeme gäben 90 bis 95 % weniger Schadstoffe ab als konventionelle Zigaretten. Die aktuellen Daten vom Bundesinstitut für Risikobewertung scheinen diese Aussage zu stützen. Die European Respiratory Society (ERS) sagt, auch diese Systeme seien gesundheitsgefährlich. Was stimmt? Der künftige Präsident der ERS, Professor Dr. Tobias Welte, bezieht Position.

Was die Gesundheitsgefahren angeht, sind die Aussagen zu den sog. Tabakerhitzern höchst widersprüchlich. Wie schätzen Sie die Risiken ein?
Prof. Welte: Lassen Sie uns erst mal zurückschauen. Die Tabakindustrie hat bis vor 20 Jahren Zigaretten für ungefährlich erklärt und die Gefahren systematisch verharmlost, selbst dann noch, als die wissenschaftliche Evidenz für den Einfluss auf Krebs-, Lungen- und Herz-/Kreislauferkrankungen erdrückend war. Mit der Einführung zunächst von Filterzigaretten, später der Light Zigarette wurde behauptet, der Schadstoffausstoß sei reduziert und das Produkt damit sicherer geworden.

In Wirklichkeit führten Filter- und vor allem Light-Zigaretten dazu, dass mehr Zigaretten pro Raucher konsumiert wurden und sich das Inhalationsverhalten änderte. Weil die Schadstoffe jetzt tiefer in die Lunge eindrangen, änderte sich der Tumortyp vom eher zentral lokalisierten Plattenepithelkarzinom zum peripheren Adenokarzinom. Letzteres wird später diagnostiziert, die Bronchialkarzinomtherapie wirkt schlechter und die Prognose der Patienten verschlechtert sich. Light-Zigaretten erzeugten also nachweislich genau das Gegenteil von dem, was von der Tabakindustrie versprochen wurde.

Und wie steht es nun um die neuen Systeme, bei denen der Tabak nicht mehr verbrannt wird?
Prof. Welte: Die Tabakindustrie wurde leider lange durch wissenschaftliche Studien unterstützt. Dabei liegt das Problem in erster Linie darin, dass diese Studien primär nur Kurzzeitergebnisse liefern, jedoch keine Aussage über Langzeitschäden erlauben.

Die Heat-not-burn-Produkte sind für mich eine Art von Déjà-vu, weil sie genau das Problem reflektieren, das ich für die Light-Zigarette beschrieben habe. Bekannte Schadstoffe werden reduziert, es ist jedoch unklar, ob neue Schadstoffe entstehen und was das für Langzeitfolgen nach sich zieht. Die ERS kritisiert, dass die Tabakindustrie nicht gezwungen wird, die Sicherheit ihrer Produkte nachzuweisen und die dazu notwendige Forschung zu finanzieren. Die Industrie verdient, mögliche Probleme bleiben am Einzelnen und an der Öffentlichkeit hängen.

Nikotin enthalten die neuen Systeme ja auch …
Prof. Welte: Genau. Ein wesentliches Problem wird völlig ignoriert: die Förderung der Nikotinabhängigkeit. Rauchen ist als Suchterkrankung anerkannt. Die Werbung für neue Produkte wie Heat-not-burn oder die E-Zigarette zielt speziell auf junge Menschen, die dadurch aktiv ins Suchtverhalten getrieben werden.

Eine im Deutschen Ärzteblatt publizierte Untersuchung bei 15-Jährigen zeigt, dass das Risiko mehr als verdoppelt ist, ein klassischer Zigarettenraucher zu werden, wenn man mit E-Zigaretten eingestiegen ist. Das Argument, dass die weniger schädlichen (Heat-not-burn, E-Zigaretten) immer noch besser sind als die schädlichen Zigaretten, verliert seine Bedeutung, wenn man auf diesem Weg Abhängigkeiten erzeugt und die Zahl der Konsumenten steigert.

Was können Ärzte verunsicherten Patienten sagen?
Prof. Welte:
Die beste Prävention ist und bleibt, auf Nikotinprodukte zu verzichten, egal in welcher Form sie präsentiert werden. Ziel der ärztlichen Aufklärung muss es sein, die Zahl der Nikotinkonsumenten zu verringern. Patienten müssen darüber aufgeklärt werden, dass auch die neuen Produkte Risiken mit sich bringen, auch wenn sich die Art und das Ausmaß dieser Schädigung noch nicht abschätzen lassen, weil es diese Produkte erst kurz gibt. Letztlich kann der Patient in einer freien Gesellschaft selbst entscheiden, was er bevorzugt, er sollte jedoch ehrlich informiert werden.

Wie sollte die Politik Ihrer Ansicht nach reagieren?
Prof. Welte:
Die Politik darf den neuen Produkten keinen Freifahrtschein erteilen oder sie, wie in Großbritannien geschehen, sogar noch empfehlen. Die Industrie muss gezwungen werden, Daten zur Sicherheit ihrer Produkte zu liefern, wobei die Untersuchungen von industrieunabhängigen Forschungsinstituten geleitet werden müssen. Konkret muss die Industrie Forschungsgelder zur Verfügung stellen, die unter Kontrolle staatlicher Forschungsorganisationen wie Bundesministerium für Bildung und Forschung oder Deutscher Forschungsgemeinschaft genutzt werden.

Welche Forschung wünschen Sie sich rund um das Thema?
Prof. Welte:
Wir brauchen unabhängige Untersuchungen auf allen Ebenen. Der Einfluss der neuen Produkte muss auf zellulärer Ebene mit modernen molekularen Methoden analysiert werden. Die Erkenntnisse müssen genutzt werden, um sowohl Kurzzeiteffekte auf das Atemwegs­epithel und insbesondere auf pathologisches Zellwachstum als auch Langzeiteffekte zu untersuchen. Für Letzteres ist der Aufbau von Patientenregistern und prospektiven Kohortenstudien essenziell.

Eine solche Registerforschung wird bisher in Deutschland nur im Rahmen zeitlich begrenzter Projekte gefördert, es fehlt eine ausfinanzierte Langzeitforschung. Neben dem Bundesministerium für Bildung und Forschung ist aufgrund des Gesamtinteresses der Bevölkerung auch das Bundesgesundheitsministerium gefragt.


Prof. Dr. Tobias Welte; Medizinische Hochschule Hannover © MT-Archiv