Klappenvitien sind heute zumeist degenerativ bedingt

Autor: Dr. Angelika Bischoff

Diese Aortenklappe ist deutlich verändert und stenosiert. Bei dem Patienten war eine Mönckeberg-Sklerose bekannt. Diese Aortenklappe ist deutlich verändert und stenosiert. Bei dem Patienten war eine Mönckeberg-Sklerose bekannt. © Science Photo Library/Abelanet, Pr. R./CNRI

Waren Klappenvitien früher meist rheumatischer Genese, überwiegen in der westlichen Welt mittlerweile degenerativ bedingte Schäden. Und mit der zunehmenden Überalterung der Gesellschaft verbrauchen diese Krankheitsbilder immer mehr Ressourcen.

Die Prävalenz von Klappenvitien nimmt mit dem Lebensalter stark zu. Zwischen 18 und 54 Jahren liegt sie noch bei weniger als 1 %. Danach steigt sie von Dekade zu Dekade über 1,9 % bei 55- bis 64-Jährigen und 9,9 % bei 65- bis 74-Jährigen bis zu 13,2 % bei Menschen ab 75 Jahren. Am häufigsten kommt die Aortenstenose vor, gefolgt von der Mitral- und der Aorteninsuffizienz. Während erstere praktisch immer auf einer altersbedingten Degeneration beruht, haben bei den Insuffizienzen auch andere Ursachen Bedeutung – insbesondere die infektiöse Endokarditis.

Was Häufigkeit und prognostische Relevanz angeht, steht die Aortenstenose an erster Stelle. Dies ist wahrscheinlich bedingt durch das Alter und die Komorbiditäten des hauptsächlich betroffenen Patientenklientels, schreibt Daniel Kalbacher von der Abteilung für Kardiologie am Universitären Herz- und Gefäßzentrum Hamburg.

Stressechokardiographie wird zu selten genutzt

Entdeckt werden Klappenvitien entweder im Frühstadium per Zufall oder wenn man nach der Ursache von Symptomen wie Atemnot, Angina pectoris oder Rhythmus­störungen fahndet.

Goldstandard für Diagnostik und Schweregradeinteilung ist die Echokardiographie. Sie erfolgt zunächst transthorakal, bei Unklarheiten oder schlechter Sicht auch transösophageal. Als Maß für den Schweregrad einer schweren Stenose dient die Klappenöffnungsfläche. Sie lässt sich über die maximale Flussgeschwindigkeit berechnen oder planimetrisch bestimmen. Schwerer fällt es laut Kalbacher, den Schweregrad von Insuffizienzen zu beurteilen, da hierbei auch qualitative Kriterien wie die Klappenmorphologie eine Rolle spielen.

Im Alltag wird nach Ansicht des Autors die Stress­echokardiographie zu wenig genutzt. Sie liefert vor allem bei der Aortenstenose, aber auch bei der Mitralinsuffizienz wertvolle zusätzliche Hinweise. Mit ihr kann man zum Beispiel die Belastungsabhängigkeit von Symptomen nachweisen oder eine dynamische Insuffizienz aufdecken.

Etwa 20 % der Patienten mit dokumentierten Vitien haben nach dem Euro Heart Survey nicht nur einen, sondern mindestens zwei Klappenfehler gleichzeitig. Gemeinsam finden sich vor allem die Aortenstenose und -insuffizienz, die Aortenstenose und die Mitralinsuffizienz sowie die Insuffizienz von Aorten- und Mitralklappe. Ursächlich kommen bei multiplen Vitien neben der infektiösen Endokarditis in erster Linie zurückliegende Thoraxbestrahlungen oder kongenitale Bindegewebserkrankungen in Betracht.

Die echokardiographische Evaluation gestaltet sich bei multiplen Vitien komplexer, da sich die hämodynamischen Auswirkungen der Einzelvitien gegenseitig beeinflussen. Angesichts der demographischen Entwicklung erwartet Kalbacher, dass die Versorgung symptomatischer Klappenvitien in den nächsten Jahren zu einer immer größeren Herausforderung werden wird. 

Quelle: Kalbacher D. klinikarzt 2020; 49: 370-375; DOI: 10.1055/a-1245-7732


Deutlich veränderte und stenosierte Aortenklappe Deutlich veränderte und stenosierte Aortenklappe © Science Photo Library/Abelanet, Pr. R./CNRI