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Lepra-Früherkennung: Nicht auf der faulen Haut ausruhen

Autor: Michael Brendler/Maria Fett

Die Nervenschäden durch M. leprae können zum Verlust der Finger und Zehen führen. Die Nervenschäden durch M. leprae können zum Verlust der Finger und Zehen führen. © wikimedia/B.jehle (CC BY-SA); wikimedia/Prof. Dr. Rüdiger Döhler (CC BY 3.0)
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Erstmals innerhalb von fünf Jahren ist die Zahl neu entdeckter Lepraerkrankungen gestiegen. Vor allem Kinder geraten stärker in den Fokus. Was auf den ersten Blick paradox erscheint: Eine positive Entwicklung steckt dahinter.

Ein genauer Blick lohnt im Kampf gegen Lepra. Das zeigte sich 2016 eindrucksvoll im indischen Bundesstaat Bihar. Damals untersuchten die Mitarbeiter eines Hilfsprojektes neben den engeren Sozialkontakten von Infizierten auch die Bewohner von ca. 20 benachbarten Haushalten, wenn die Indexpatienten Kinder waren oder multibazilläre Le­pra aufwiesen. Zusätzlich screenten sie gezielt bestimmte Risikogruppen wie Personen mit niedrigem sozioökonomischem Status.

Anders als durch vorangegangene aktive Fallsuchen in derselben Region konnten die Mitarbeiter so dreimal mehr Leprakranke ausfindig machen. Diese befanden sich zudem meist in günstigen Anfangsstadien der Hansen’schen Krankheit. Im Epidemiologischen Bulletin des Robert Koch-Instituts verweisen Dr. Eva-Maria­ Schwienhorst­-Stich­ und Kollegen von der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe aus Würzburg auf die auffallend hohen Raten von Kindern, die mit 37 % deutlich über den durchschnittlich 9 % in ganz Indien liegen. Dies sei überhaupt erst durch die deutlich intensivere aktive Fallsuche möglich gewesen.

Nach Ansicht der Autoren muss die WHO verstärkt auf solche Methoden setzen, wenn sie die Hauptziele ihrer globalen Leprastrategie erreichen will – etwa die Zahl der Neudiagnostizierten mit fortgeschrittener Symptomatik auf unter einen pro eine Million Einwohner zu senken. Bislang beträgt die Rate im weltweiten Mittel noch 1,7 pro eine Million. Wie zudem Interimsdaten der internationalen LPEP-Studie zeigen, könnte sich das Aufspüren der Kontaktpersonen noch aus einem zweiten Grund lohnen: Knapp 90 % von ihnen akzeptierten die Untersuchung trotz der befürchteten Stigmatisierung und erhielten eine Post-Expositions-Prophylaxe aus einmaliger Rifampicingabe. In früheren Studien ließ sich durch die Medikation das Erkrankungsrisiko um 57 % senken.

Lepra in Deutschland

Immer häufiger kommen Ärzte in Deutschland in ihrem Praxisalltag in Kontakt mit potenziell Infizierten. Dies ist der zunehmenden Globalisierung sowie der anhaltenden Konflikte in Leprarisikoregionen und damit verbundener Flucht geschuldet. Im Verdachtsfall sollten Kollegen sie korrekt erkennen können oder an spezialisierte Stellen überweisen. Bundesweit belaufen sich die gemeldeten Neuerkrankungen bisher im einstelligen Bereich, wobei Experten aufgrund der beschriebenen Herausforderungen von höheren Dunkelziffern ausgehen.

Eine zeitnahe Diagnose und Therapie sind essenziell, um leprabedingte Behinderungen zu verhindern und damit das angesprochene WHO-Ziel zu erreichen. Derzeitige Testverfahren weisen jedoch eine zu geringe Spezifität und Sensitivität auf, um zuverlässige Befunde zu liefern. Parallel diskutieren Wissenschaftler, ob Hautläsionen für die klinische Diagnose noch zwingend sein sollten. Neurologische Auffälligkeiten bestehen oftmals vor dermalen, weshalb man viele Betroffene in den Anfangsstadien übersehe. Die gezielte Suche nach neurologischen Symptomen stellt nach Aussage der Autoren ein ungenutztes, frühdiagnostisches Fenster dar.

Schwienhorst-Stich EM et al. Epid Bull 2018; 4: 49-53


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