Mediziner ertrinken in Befunden

Autor: Michael Brendler

Bis sämtliche Tests ausgewertet sind, vergehen Stunden. © fotolia/Kurhan

Hausärzte nutzen heute mehr Untersuchungsmethoden und Testverfahren denn je. Doch die ausufernde Befund­erhebung ist nicht nur teuer, sie macht auch eine Menge Arbeit.

Die Zahl der Untersuchungen, die heute pro Patient vom Allgemeinarzt angefordert oder durchgeführt wird, ist seit Beginn des Jahrtausends um mehr als das Dreifache angestiegen. Das fanden Forscher, nachdem sie mehr als 250 Mio. Tests, die im britischen Clinical-Practice-Research-Datalink-Register dokumentiert waren, ausgewertet hatten. Über 85-Jährige werden heute sogar 4,6-mal häufiger per Labor-, Röntgen-, EKG- und anderer Untersuchungen begutachtet als kurz nach der Jahrtausendwende.

Die Gründe liegen für die Autoren auf der Hand: Die britischen Hausärzte dürfen heute viel mehr Untersuchungen durchführen oder beauftragen als früher, darunter auch solche, die vormals Klinikärzten vorbehalten waren. Zudem sind sie zu einer genaueren Überwachung des Krankheitsverlaufs angehalten, insbesondere bei chronischen Erkrankungen. Hinzu kommt, dass die Patienten heute oft selbst die intensivere Diagnostik einfordern.

Es gebe aber auch eine Reihe von Tests, die aus „strategischen, nicht-medizinischen Gründen“ durchgeführt werden, schreiben die Wissenschaftler. Etwa Untersuchungen, die den Patienten beruhigen sollen oder mit denen die Behandlung endlich zu einem Ende gebracht werden kann.

Mehrarbeit von rund zwei Stunden am Tag

Oft würden die Vorteile der umfangreichen Analyse auch überbewertet und die Nachteile unterschätzt, glauben die Autoren, und das sowohl vom Arzt als auch vom Patienten. Zum einen wären da die hohen Kos­ten für das Gesundheitssystem bei ungewissem Nutzen. Zum anderen halst sich der Arzt auch selber eine Menge Mehrarbeit auf: Bei zwei bis drei Minuten pro Test kommen locker 90 bis 120 Minuten pro Tag zusammen, um den Berg der aufgelaufenen Ergebnisse zu sichten und abzuarbeiten.

Quelle: O’Sullivan JW et al. BMJ 2018; 363: k4666