Mit dem Alter verändert sich der endogene Tagesrhythmus

Autor: Kathrin Strobel

Im Rentenalter gleicht der Tagesrhythmus wieder dem eines Kindes. © zinkevych – stock.adobe.com

Im Laufe des Lebens verschiebt sich der endogene Tagesrhythmus. Lichttherapie, Nahrungsrestriktion und die Gabe von Melatonin können helfen, ihn wieder in den „richtigen“ Takt zu bringen.

Der Mensch verfügt über ein angeborenes zirkadianes System, das seine Körperfunktionen im Tagesverlauf koordiniert. Durch diese endogene Uhr bleiben Rhythmen wie der Wechsel zwischen Schlaf- und Wachphasen auch ohne äußere Zeitsignale erhalten – allerdings nicht sehr viel länger als 24 Stunden. Spätestens dann muss über äußere Signale ein Abgleich mit dem Rhythmus der Erdumdrehung stattfinden. Hierbei spielt das Tageslicht eine besondere Rolle.

So funktioniert die innere Uhr

Ein photorezeptives System in den Ganglienzellen der Netzhaut fängt Licht im blauen Spektralbereich auf. Hierauf wird ein Signal an den Nucleus suprachiasmaticus (SCN) im Hypothalamus gesendet. Mittels Hormonen (z.B. Melatonin) und der Aktivierung des autonomen Nervensystems werden von dort aus zelluläre Uhren in allen Geweben und Zellen miteinander und mit der externen Zeit synchronisiert. Diese Synchronisation ist wichtig, da sonst innerhalb kürzester Zeit alle Gewebsuhren unterschiedliche Zeiten zeigen würden. Ein weiterer potenter Zeitgeber ist die Nahrungsaufnahme. Sie wirkt vor allem auf periphere Organuhren. Verschieben sich Essenszeiten, können diese Uhren von der Zentrale entkoppelt werden.

Die Uhren verschiedener Menschen ticken unterschiedlich. Es gibt mehrere Chronotypen. Die beiden Extreme werden im Volksmund häufig bildhaft als Eulen (später Chronotyp) und Lerchen (früher Chronotyp) bezeichnet, wobei Eulen in der Gesamtbevölkerung etwas häufiger vorkommen als Lerchen.

Im Alter werden sogar Eulen wieder zu Lerchen

Es gibt aber auch altersbedingte Unterschiede, erklärt Professor Dr. Henrik­ Oster­ vom Institut für Neurobiologie der Universität zu Lübeck. Während unter Teenagern und frühen Zwanzigern der Eulentyp häufiger ist, verschiebt sich die Tendenz im Lauf des Lebens in Richtung Frühaufsteher. Im Rentenalter schließlich erreicht der Mensch hinsichtlich seines Chronotyps wieder den Zustand eines Kindes. Ob diese Vorverschiebung des Schlaf-Wach-Rhythmus endogen gesteuert ist oder auf Veränderungen in Wahrnehmung und Verarbeitung externer Zeitgeber beruht, ist ungeklärt.

Bekannt ist, dass es mit zunehmendem Alter zu einer Dämpfung des Melatoninrhythmus kommt. Melatonin spielt eine wesentliche Rolle bei der Steuerung der inneren Uhr. Während der Melatoninspiegel von Kleinkindern noch Werte bis zu 150 pg/ml erreicht, kommen Senioren meist nur noch auf 30–40 pg/ml. Gleichzeitig ändert sich das Muster der Schlafarchitektur. Mit zunehmendem Alter verkürzen sich die Abfolgen von Leicht- und Tiefschlafphasen, und nächtliche Wachphasen werden häufiger. Die Folge ist eine Fragmentierung des Schlafs. Wenn die Wachphasen gegen Ende der Nacht länger werden, kommt es zur sogenannten senilen Bettflucht.

Die Behandlung mit Licht kann stabilisierend wirken

In der Geriatrie werden verschiedene Therapien eingesetzt, um diesen Effekten entgegenzuwirken. Eine davon ist die Gabe von Melatonin und Melatoninrezeptor-Agonisten. Die Wirkung der Melatoninsubstitution setzt allerdings nicht sofort ein, sondern erst nach einigen Tagen oder Wochen. Hierüber sollten die Patienten informiert werden, damit sie die Behandlung aufgrund des vermeintlich fehlenden Therapieerfolgs nicht vorzeitig abbrechen.

Durch eine Lichttherapie kann der Tagesrhythmus stabilisiert werden. Hierbei ist wichtig, dass das Licht ausreichend hell ist, einen hohen Blaulichtanteil hat (z.B. kaltweißes Neon- oder LED-Licht) und dass es das Auge trifft. Eine Behandlung am Abend vermag die zentrale Uhr des Körpers zu verlangsamen und den Chronotyp nach hinten zu verschieben. Studiendaten aus den Niederlanden zeigen, dass sich Schlafqualität und Stimmung der mit Licht behandelten Senioren bereits nach wenigen Wochen bessern.

Gegebenenfalls eignet sich auch die Beschränkung der Nahrungsaufnahme auf ein Zeitfenster von maximal zwölf Stunden pro Tag als therapeutische Maßnahme, meint Prof. Oster. Die Studienlage zur Wirksamkeit bei älteren Patienten reiche jedoch noch nicht aus, um dies abschließend zu beurteilen. Eine weitere Behandlungsoption ist körperliches Training. Dieses stabilisiert einer Studie zufolge die Schlaf-Wach-Rhythmik und verringert Tagesmüdigkeit.

Quelle: Oster H. internistische praxis 2019; 61: 1-8