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Reden, schützen, Pause machen: Als Arzt oder Pflegekraft den Pandemiestress überstehen

Autor: Friederike Klein

Pflegekräfte hatten in den meisten Studien ein höheres Risiko für eine psychische Stressreaktion als Ärzte. Pflegekräfte hatten in den meisten Studien ein höheres Risiko für eine psychische Stressreaktion als Ärzte. © iStock/Halfpoint
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In Pandemiezeiten wird medizinischem Personal einiges abverlangt. Wie stark dieses unter Stress steht und was man dagegen unternehmen kann, hat eine Gruppe von Forschern in einer Metaanalyse zusammengetragen.

Um Hinweise auf wirksame Maßnahmen gegen psychischen Stress in Zeiten einer Virusepidemie zu finden, überprüften Professor Dr. Steve Kisely, Psychiater aus Brisbane (Australien) zusammen mit Kollegen 59 Studien. Ausgewertet wurden alle Untersuchungen, die psychische Reaktionen medizinischer Profis während einer Virusepidemie erfasst hatten. Neben acht Werken aus der aktuellen COVID-19-Pandemie wurden auch Studien aus Epidemien von SARS (n = 37), Schweinegrippe (Influenza-A-Virus-Subtyp H1N1, n = 3), MERS (n = 7), Ebola (n = 3) und Vogelgrippe (Influenza-A-Virus-Subtyp H7N9, n = 1) analysiert. 25 Arbeiten ließen einen direkten Vergleich im Gesundheitswesen Beschäftigter mit hohem und niedrigem Expositionsrisiko zu und gingen in die Studie ein.

Den Ergebnissen zufolge hatte medizinisches Fachpersonal mit direktem Kontakt zu Infizierten ein um 71 % höheres Risiko für akuten oder posttraumatischen Stress als Kollegen mit geringem Expositionsrisiko. Das Risiko für psychischen Distress war bei direkter Exposition um 74 % erhöht. Laut Prof. Kisely wurde dieser Befund aus der Metaanalyse durch die Ergebnisse der nicht inkludierten Arbeiten bestätigt.

Weniger Stress bei mehr Erfahrung

Besonders vulnerabel für psychischen Distress im Zusammenhang mit dem Einsatz in einer Epidemiesituation waren Frauen, jüngere Beschäftigte und solche mit geringerer Berufserfahrung oder in Teilzeit-Beschäftigte. Ein hohes Risiko hatten auch diejenigen mit besonderer Angst vor der Infektion, insbesondere wenn die eigenen Kinder noch nicht selbstständig waren oder wenn bereits ein Familienmitglied infiziert war. Auch eine längere Quarantäne, eine fehlende praktische Unterstützung durch den Arbeitgeber und eine Stigmatisierung von medizinischem Fachpersonal als potenziellem Überträger trugen zur psychischen Belastung bei. Pflegekräfte hatten in den meisten Studien ein höheres Risiko für eine psychische Stressreaktion als Ärzte. Ältere und erfahrene Mediziner und Pflegekräfte erlebten die Epidemie-Situation meist weniger belastend als jüngere. Nur in Studien zur COVID-19-Pandemie wurde ein höheres Alter als zusätzlicher Stress-Risikofaktor beschrieben.

Schützend wirkten sich eine klare Kommunikation mit den Mitarbeitern, das Gefühl, gut vorbereitet worden zu sein, der Zugang zu persönlichem Schutzmaterial und das Vertrauen darauf, dass die Schutzmaßnahmen nutzen, aus. Protektiv wirkten auch häufige kurze Pausen und ausreichende Ruhezeiten sowie eine familiäre wie psychologische Unterstützung. Der Arbeitgeber kann also eine ganze Menge für die psychische Gesundheit des medizinischen Fachpersonals in Zeiten einer Epidemie tun. 

Quelle: Kisely S et al. BMJ 2020; 369; DOI: 10.1136/bmj.m1642


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