Rund jedes achte Tötungsdelikt wird von einer Frau begangen

Autor: Dr. Angelika Bischoff

Nicht nur Männer werden zu Mördern. © iStock.com/diego_cervo

Beim Thema Gewaltkriminalität denkt man zunächst an männliche Täter. Doch auch bei Frauen brennt mal die Sicherung durch. Die Risikofaktoren und Umstände sind oft typisch für das Geschlecht.

International lässt sich bei Frauen und Mädchen ein Anstieg von Gewalttaten beobachten. Dabei handelt es sich vor allem um Tätlichkeiten gegen den Partner, Kindesmisshandlung und Fälle institutioneller Gewalt. In Deutschland spiegelt sich diese Zunahme noch nicht wider, wie Verena­ Klein, Chefärztin der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie in Taufkirchen, berichtete.

Taten fast immer im Kontext sozialer Beziehungen

Ein Vergleich der polizeilichen Kriminalstatistik von 2003 und 2015 zeigt keinen Anstieg weiblicher Gewaltdelikte. Nach wie vor sind etwa 12 % aller Tatverdächtigen für Mord oder Totschlag weiblich. Bei Diebstahl, Betrug, Veruntreuung oder Beleidigung liegt der Anteil weiblicher Tatverdächtiger mit rund 30 % deutlich höher. Insgesamt saßen in bayerischen Gefängnissen 2016 kaum mehr Frauen ein als 2005 (8,8 vs. 8,4 %).

Gewalttätiges Verhalten ist bei Frauen überwiegend reaktiv. Typisch weiblich sind auch indirekte, durch einen Dritten ausgeübte Tätlichkeiten sowie relationale Gewalt bzw. manipulatives Verhalten. Fast immer entladen sich die Aggressionen im Kontext sozialer Beziehungen. Eine besondere Rolle nimmt die Tötung von Neugeborenen ein: Doppelt so viele Frauen wie Männer lassen sich diese zuschulden kommen.

Aggression unter Alkoholeinfluss

  • Weibliche Risikofaktoren für Gewaltdelinquenz sind u.a. Borderlinestörung, frühere Gewalterfahrungen, problematische soziale und intime Beziehungen sowie geringes Selbstwertgefühl.
  • Der Faktor Alkohol hat auf Frauen sogar einen noch größeren Effekt als auf Männer. „Das Messer landet leichter im Bauch des gewalttätigen Partners, wenn die Frau betrunken ist“, so Klein.
  • Dafür haben positive soziale Beziehungen auf das weibliche Geschlecht einen stärkeren protektiven Effekt.

Wer Gewalt erfährt, übt oft selbst Gewalt aus

In der Therapie gewalttätiger Frauen gilt es, individuelle Risikofaktoren zu beachten: Frühere Traumata müssen aufgearbeitet, soziale Beziehungen optimiert und das Selbstbild der Betroffenen aufgebessert werden. In Taufkirchen gibt es eine Mutter-Kind-Station, um die erzieherischen Kompetenzen von Betroffenen zu stärken. Dies trägt dazu bei, den unausweichlichen Kreislauf zwischen Gewalterfahrung und -ausübung zu durchbrechen. Spezifische Instrumente, mit denen sich die Prognose gewalttätiger Frauen einschätzen lässt, fehlen weitgehend. Die meisten vorhandenen Methoden wurden bislang ausschließlich an Männern evaluiert.

Quelle: DGPPN* Kongress 2018

*Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde