Schwerkranke können von einem Therapieabbruch profitieren

Autor: Dr. Elke Ruchalla

Viele schwerkranke Menschen wollen einfach nur das Leben bewusst genießen, solange es eben noch geht (Agenturfoto). © iStock/KatarzynaBialasiewicz

Ärzte lernen im Studium, zu handeln. Nichts zu tun ist keine Option. Was aber, wenn Patienten genau das möchten?

Bei chronischen Erkrankungen kommt oft der Zeitpunkt, an dem die therapeutischen Optionen weitgehend ausgeschöpft sind. Natürlich gäbe es da noch diese aktuelle Phase-II-Studie oder ein neues experimentelles Mittel, das man den Kranken vorschlagen könnte. Und sicher gibt es Patienten, die so vorgehen möchten, die bis zum Ende kämpfen oder zumindest die Forschung unterstützen möchten, wenn ihnen selbst schon nicht geholfen werden kann.

Doch das will eben nicht jeder, auch Molly Bartlett nicht. Bei ihr wurde vor 20 Jahren ein Nierenzellkarzinom diagnostiziert und das Organ entfernt. Bis 2013 entdeckten die Kollegen drei weitere Tumoren und boten ihr zwei Möglichkeiten: eine Dialyse oder erneut operieren. Die Option „keine weitere Therapie“ gehörte nicht zu den Vorschlägen. Für sie habe es sich angefühlt, als ob sie weiter kämpfen müsse. Molly­ Bartlett wusste, dass ihr keine der angebotenen Behandlungen helfen würde. Vielleicht aber hätten sie verhindert, was sie wirklich möchte: Die restliche Zeit bewusst genießen.

Deshalb schrieb sie einen Brief an die behandelnden Ärzte, in dem sie ihre Wünsche sammeln und erklären konnte. Warum ein Brief und kein Gespräch von Angesicht zu Angesicht? Weil sie fürchtete, ihre Entscheidung sonst womöglich zu widerrufen. Dieser Brief habe ihr erstmals das Gefühl gegeben, wieder die Kontrolle über ihr eigenes Leben zu besitzen, sagt sie. Auch sollten Ärzte nicht automatisch davon ausgehen, dass ihre Patienten die Behandlung fortsetzen möchten, wie die Onkologen in ihrem Fall. Der Abbruch der Therapie sollte als gleichberechtigte Alternative diskutiert werden, wenn nach menschlichem Ermessen eine Heilung nicht mehr möglich ist.

Zeit für Freunde, den Partner und das Gezwitscher im Garten

„Und verwechseln Sie Nichtstun nicht mit Hoffnungslosigkeit.“ Ihr biete dieses „nichts“ die Möglichkeit, Zeit mit ihren Freunden und ihrem Partner zu verbringen, im Garten zu sein und Vögeln zuzuhören. Sie engagiert sich auch in der Ausbildung von Medizinstudenten und berichtet ihnen von ihren Erfahrungen. Damit hofft sie, dass sich die zukünftigen Ärzte später vielleicht einmal an diese Sicht der Patienten erinnern.

Hoffnung stelle sich in vielfältiger Weise dar und sei mehr als die Hoffnung auf eine Heilung um jeden Preis, schließt Molly Bartlett. Es gebe Hoffnung auf die Unterstützung, die sie selbst möchte, wenn ihr Leben zu Ende geht, und Hoffnung darauf, dass ihre Angehörigen die Hilfe bekommen, die sie brauchen.

Quelle: Bartlett M. BMJ 2019; 366: I2416; DOI: doi.org/10.1136/bmj.l2416