Trotz Alzheimer praktizieren: Alle Ärzte ab 60 Jahren zum Kognitionstest?

Autor: Michael Brendler

Demenz im Alter bedeutet nicht zwangsläufig Inkompetenz. © fotolia/aletia2011

Auch Mediziner werden dement, aber müssen sie in diesem Fall sofort aufhören zu praktizieren? Nicht, wenn Gesellschaft und Kollegen einen vernünftigeren und aufgeklärteren Umgang mit der Krankheit lernen, meint eine Expertin.

Mit 76 Jahren hing Dr. Redd immer noch an ihrem Beruf – mit gutem Grund, meint Dr. Gayatri Devi, Neurologin am Staatlichen Universitätsklinikum in Brooklyn, denn für ihre hochspezialisierte Praxis war nur schwer ein Nachfolger zu finden. Dann kam die Diagnose Alzheimer und wurde der geschockten Medizinerin auch durch die eingeholte Zweitmeinung bestätigt.

„Arbeit sofort einstellen“, lautete der Vorschlag des behandelnden Kollegen. Ein schlechter Rat, wie Dr. Devi findet. „Alzheimer wird häufig zu Unrecht als eine Krankheit angesehen, die unaufhaltsam in die Inkompetenz führt“, schreibt sie. Stattdessen sei die Krankheit ein heterogenes Spektrum verschiedenster pathologischer Subtypen und klinischer Verläufe.

„Wenn wir uns diese Heterogenität bewusster machen“, so die Autorin, „kann das helfen, Vorurteile abzubauen und die Versorgung der Patienten zu verbessern.“ Mit ihren geistigen Fähigkeiten lag Frau Dr. Redd zum Beispiel zum Zeitpunkt der Diagnose auf der 99. Perzentile ihrer Altersklasse. Sie konnte noch vier Jahre lang erfolgreich arbeiten und ihre Praxis einem Nachfolger übergeben.

Die Zahl der an Alzheimer erkrankten Kollegen ist nicht bekannt. Für eine Einordnung nennt die Autorin Daten des New York's physician health program, laut dem 7 von 99 Ärzten kognitive Einschränkungen aufweisen. Spezielle Gesundheitsprogramme für demente Ärzte können ihnen ihrer Meinung nach helfen, den Beruf länger auszuüben und die Vorteile der langen Berufserfahrung mit den Realitäten des kognitiven Abbaus besser auszubalancieren.

Als entscheidend für den Erfolg solcher Maßnahmen sieht sie es an, dass die Betroffenen vor öffentlicher Kritik und Stigmatisierung beschützt werden. „Es geht darum, zu unterstützen, nicht zu bestrafen“, und darum, die Kollegen davon zu überzeugen, früher im Krankheitsverlauf Hilfe zu suchen.

Momentan werden nicht nur Ärzte ihrer Meinung nach genau davon eher abgehalten: Dass die kognitiven Reserven das Fortschreiten der Symptome unabhängig von der Pathologie lange ausgleichen können, ist ihrer Beobachtung nach viel zu wenig Menschen bewusst – auch Kollegen. Stattdessen würden gerade protrahierte Verläufe als repräsentativ gelten. „Solche Missinterpretationen führen zu Angst, Scham und Diagnosevermeidung“, warnt sie. Und bei denen, die sich früh zu ihrer Krankheit bekennen, potenziell zum beruflichen Ruin. Wer will sich schon einem dementen Arzt anvertrauen?

Wir leben und arbeiten zunehmend länger

„Wie sollen wir weitermachen und die öffentlichen und beruflichen Interessen schützen, wenn wir in Zukunft immer länger leben und arbeiten werden?“, fragt die Autorin. Die American Medical Association schlägt vor, Mediziner ab einem Alter von 70 Jahren regelmäßig auf ihre kognitiven Fähigkeiten zu prüfen. Die Autorin geht noch einen Schritt weiter und erachtet die Evaluation ab 60 Jahren für sinnvoll. Dadurch und mit entsprechenden Gesundheitsprogrammen könnten dann auch engagierte Ärzte wie Dr. Redd ihre Karriere bis zu einem angemessenen Ende weiterführen.

Quelle: Devi G. N Engl J Med 2018; 378: 1073-1075