Vorsicht vor Extremdiäten während der Chemotherapie

Autor: Friederike Klein

Es gibt nur eine dünne Evidenz für Fasten und eine ketogene Diät während der Chemotherapie. Es gibt nur eine dünne Evidenz für Fasten und eine ketogene Diät während der Chemotherapie. © iStock/Uladzimir Zuyeu

Eine Gewichtsabnahme ist bei Krebspatienten möglichst zu vermeiden. Dennoch wird das Thema Diät bei Chemotherapie immer wieder diskutiert. Mit dem Fasten sollen Nebenwirkungen reduziert werden und die ketogene Diät gilt schon seit Jahren als „Krebsdiät“. Umstritten sind die Methoden aber weiterhin.

Derzeit muss das Fasten bei Chemotherapie als experimentelle Intervention gesehen werden und sollte nur in Studien und auf keine Fall ohne Begleitung durchgeführt werden, betonte Professor Dr. ­Andreas Michalsen von der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Eine US-amerikanische Arbeitsgruppe um Professor Dr. Valter D. Longo berichtete 2009 in einer Fallserie mit zehn Patienten mit unterschiedlichen Krebserkrankungen von der Reduktion der Nebenwirkungen einer Chemotherapie durch Fasten.1

Die Patienten nahmen 48–140 Stunden vor und 5–56 Stunden nach Chemotherapie nur Tee, Obst-und Gemüsesäfte zu sich. Das führte zu einer Reduktion von Fatigue, Schwäche und gastrointestinalen Nebenwirkungen und beeinträchtig­te nicht die Wirksamkeit der Chemotherapie. Eine weitere Fallserie der Arbeitsgruppe mit 20 Patienten zeigte die Durchführbarkeit des Kurzzeitfastens auch bei platinbasierter Chemotherapie und fand einen Trend hin zu weniger Neutropenien vom Grad 3/4 bei mindestens 48 Stunden dauerndem Fasten. Das beim Fasten verlorene Gewicht holten alle bis auf einen Patienten bis zum nächsten Chemotherapiezyklus wieder auf.2

Die Arbeitsgruppe um Prof. Michalsen hat aber auch selbst in einer Pilot-Studie mit 34 Frauen mit Brust- und Ovarialkarzinom ohne bisherigen Gewichtsverlust den Effekt des Buchinger-Fastens untersucht: Mindestens 36 Stunden vor und 24 Stunden nach der Chemotherapie waren nur Wasser, Tee und Gemüsesäfte, aber keine Obstsäfte erlaubt. Es zeigte sich eine geringere Verschlechterung der Lebensqualität nach dem Functional Assessment of Chronic Illness Therapy – Fatigue (FACIT-F) unter der Chemotherapie im Vergleich zu einer normokalorischen Diät. Auch hier wurde der fastenbedingte Gewichtsverlust wieder aufgeholt.

Weitere Studien zu Mamma-, Ovarial- und Pankreaskrebs

Um die Evidenz für das Fasten bei Chemotherapie jetzt auf solidere Beine zu stellen, läuft in Berlin derzeit eine Studie mit 150 Patientinnen mit Mamma- und Ovarialkarzinom, berichtete der Referent. Die Teilnehmerinnen durchlaufen ein 72-stündiges Buchinger-Fasten während der Chemotherapie und 24 Stunden während einer wöchentlichen Taxol-Therapie. Die Kontrollgruppe erhält eine vegetarisch betonte Vollwertkost.

Ebenfalls in Berlin wird in einer Studie mit 60 Prostatakarzinom-Patienten geprüft, wie sich ein 72-stündiges Fasten unter Docetaxel-Chemotherapie im Vergleich zu einer mediterranen Ernährung auswirkt. In den Studien werden die Teilnehmer von Fastenärzten und Diätassis­tenten betreut, um die Sicherheit zu gewährleisten. Prof. Michalsen warnte davor, bei der bislang dünnen Datenlage das Fasten unter Chemotherapie im Selbstversuch ohne solche Unterstützung zu starten.

Die ketogene Diät soll durch eine fett- und eiweißreiche Kost mit wenig oder gar keinen Kohlenhydraten das Tumorwachstum durch Glukose­entzug einschränken. Zwischen dieser Idee und ersten Hinweisen aus Tierversuchen sowie den Ergebnissen klinischer Studien klafft aber eine große Lücke, wie Professor Dr. Hartmut Bertz von der Sektion Ernährungsmedizin der Universitätsklinik Freiburg berichtete.

Fachleute raten ab

Die Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Onkologie (PRIO) der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) spricht sich aufgrund der aktuellen Datenlage gegen kohlenhydratarme oder ketogene Diäten für Menschen mit Krebserkrankungen aus. Patienten, die sich für kohlenhydratarme oder ketogene Diäten interessieren, sollten frühzeitig und intensiv zu möglichen negativen Auswirkungen beraten werden. Nehmen onkologische Patienten rasch und deutlich ab, sollte der Arzt nachfragen, ob eine solche Diät verfolgt wird. Wenn Betroffene solche Ernährungsformen trotz Beratung weiter durchführen wollen, sei eine engmaschige Betreuung mit Kontrollen des Gewichts, der Körperzusammensetzung und Laborparameter notwendig, um eine rechtzeitige Intervention zu ermöglichen.

Erickson N et al. Ernährungs Umschau 2017; 9: M514-M516

Deutung der verfügbaren Daten ist schwierig

In einer eigenen Untersuchung war eine ketogene Diät während Chemotherapie bei 42 Frauen mit gynäkologischen Tumoren zwar machbar und sicher, aber nicht von allen durchzuhalten. Die Studienlage sei schwierig zu beurteilen. Wenige Teilnehmer, unterschiedliche ketogene Diäten und verschiedene Endpunkte sowie eine schlechte Compliance mit der Diät erschweren die Interpretation, betonte der Experte.

Ketonurie wird häufig nicht erreicht

Belege für günstige Effekte gibt es wenige, aber doch Hinweise auf eine Reihe von unerwünschten Effekten wie eine Gewichtsabnahme selbst bei normokalorischer ketogener Diät oder eine Verschlechterung von körperlicher Ausdauer und Fitness.3 Auch laufende Studien sind laut Prof. Bertz klein und werden daher die Evidenz nicht wesentlich verbessern. Zudem erreichen viele Patienten bei ketogener Diät keine Ketonurie – das sollte aber geschehen, glaubt er. Eine ketogene Diät bei Krebserkrankung sollte daher seiner Meinung nach – wenn überhaupt – nur in Studien unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden, wobei die Ketonurie gemessen werden sollte.

Quellen:
1.Safdie FM et al. Aging 2009; 1: 988-1007; DOI: doi.org/10.18632/aging.100114
2.Dorff TB et al. BMC Cancer 2016; 16: 360; DOI: doi.org/10.1186/s12885-016-2370-6
3.Erickson N et al. Med Oncol 2017; 34: 72; DOI: doi.org/10.1007/s12032-017-0930-5