Was heißt es, psychisch kranke Eltern zu haben?

Autor: Maria Fett

Die psychische Erkrankung ist nicht nur ein Problem der Eltern, sondern auch des Kindes. (Agenturfoto) © iStock/fizkes

Eltern müssen nicht perfekt sein. Meist reicht es schon, „gut genug“ auf die Bedürfnisse seiner Kinder zu reagieren und ihnen das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen zu geben. Psychisch Kranke sind dazu oft nicht in der Lage.

Es gibt Themen, bei denen man fast körperlich spürt, wie sie die Stimmung verändern. Eben noch wurde in der kurzen Pause zwischen zwei Vorträgen ausgelassen geplaudert. Dann herrscht plötzlich gespannte Stille im Vortragssaal. Kinder in Notlagen ist ein solches Thema. Aktuelle Schätzungen gehen von mehr als drei Millionen Kindern und Jugendlichen in Deutschland aus, die ein Elternteil mit psychischer Störung haben. Bei weiteren 2,6 Millionen Minderjährigen leiden die Mutter oder der Vater an einer Suchterkrankung.

Der Verdacht liegt nahe, dass Kinder dieselbe Störung wie ihre Eltern entwickeln. Natürlich besitzen sie ein erhöhtes Risiko für psychia­trische Erkrankungen, erklärte der Kinder- und Jugendpsychiater Professor Dr. Michael­ Kölch­ von der Universitätsmedizin Rostock. Das Stichwort lautet genetische Vulnerabilität. Die meisten psychischen Erkrankungen führen jedoch eher zu unspezifischen Verhaltensauffälligkeiten bzw. anderen Störungsbildern beim Nachwuchs, wie der Referent ausführte.

Relevant sind vor allem Defizite in den Erziehungskompetenzen

Es scheint so, dass sich der Verlauf der elterlichen Erkrankung inkl. Schwere, Chronizität sowie der Umgang damit stärker auf die Kinder auswirken als die Diagnose selbst. Solche transgenerationalen Zusammenhänge hatten niederländische Forscher in einem systematischen Review untersucht.1 Einige Studien zeigten tatsächlich, dass Kinder mit unipolar depressiven Eltern häufiger eine Majordepression entwickeln. Ein ähnliches Ergebnis fand sich für Angststörungen. Insgesamt betrachtet zeigte sich jedoch kein linearer Zusammenhang zwischen der elterlichen Diagnose und der Störung des Kindes.

Nach Ansicht von Prof. Kölch beeinflussen vor allem Defizite in den Erziehungskompetenzen die psychische Gesundheit von Minderjährigen. Erkrankten Müttern und Vätern fällt es oft schwerer, dem Nachwuchs beispielsweise Regeln, Werte und Strukturen zu vermitteln oder ihnen Lernchancen zu eröffnen. Auch die Eltern-Kind-Beziehung wird durch die Störung beeinflusst. Eine verminderte emotionale Verfügbarkeit, Emotionsdysregulationen im Zuge der Erkrankung, mitunter sogar Feindseligkeit beeinträchtigen eine vertrauensvolle Interaktion, ergänzte Professor Dr. Sabine­ C. Herpertz­, Direktorin für Allgemeine Psychiatrie am Uniklinikum Heidelberg.

Besonders frühe Kindheitstraumata der Eltern erhöhen das Risiko für eine unsichere Bindung zum eigenen Nachwuchs, wie aus mehreren Untersuchungen hervorgeht. Für die Erziehung wichtige Funktionen, die unbelastete Eltern intuitiv entwickeln, sind bei Traumatisierten gestört. Darunter fällt etwa die Fähigkeit, angemessen zu motivieren oder zu unterstützen. Eine andere Studie hat gezeigt, dass Frauen mit Borderlinepersönlichkeitsstörung in ihrer Mutterrolle weniger aufgehen, sich durch die Aufgaben eher gestresst fühlen und weniger empathisch auf ihre Kinder eingehen.2 Dieser Disstress mündet oftmals in einer größeren Psychopathologie des Nachwuchses. Beides steht in einer signifikanten Wechselwirkung, sagte auch Prof. Kölch.

Kinder – die vergessene Risikogruppe

Die psychische Erkrankung der Eltern behindert beim Nachwuchs

  • Schlaf
  • motorische und sprachliche Entwicklung
  • körperliche Entwicklung, gesundes Gewicht und Wachstum
  • Interaktionsverhalten und Bindung
  • Emotionsregulation
  • psychische Entwicklung

Oftmals beeinflusst der sozioökonomische Status der Familie diese Faktoren. In sozial und finanziell schlechter gestellten Familien entwickelt sich z.B. die Sprache der Kinder schleppender als beim Nachwuchs aus Familien mit größerem finanziellem Spielraum und besserer Sozialkompetenz.

Zwischen den Zeilen lässt sich erahnen, dass psychiatrische Störungen der Eltern Kinder noch stärker beeinflussen (siehe oberer Kasten­). Das solch ein Zusammenhang tatsächlich besteht, belegte Prof. Kölch mit Zahlen: Diese Kinder tragen ein erhöhtes Risiko, vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht zu werden.

Hilfsangebote werden kaum wahrgenommen

Je nach Studie liegt die Wahrscheinlichkeit zwei- bis fünfmal höher als bei Altersgenossen aus unbelasteten Familien. Nun stammen viele der Untersuchungen aus den frühen 2000ern, das Problem ist also bekannt. Wie sieht es also mit Angeboten aus, die erkrankte Elternteile und betroffene Familien unterstützen?

Vielenorts werden Programme wie „family focused practices“ oder „CHIMPs“ angeboten, die Müttern und Vätern möglichst früh zur Seite stehen und systematisch Erziehungs- und Bindungskompetenzen fördern (siehe unterer Kasten). Allerdings sind nur wenige von ihnen evidenz­basiert oder langfristig untersucht.

Familientraining für bessere Mentalisierung

Ein bereits mehrfach untersuchtes Programm für psychisch kranke Eltern ist das Mentalisierungstraining. Mentalisieren bezeichnet die Fähigkeit, sich mentale Zustände wie Bedürfnisse, Wünsche, Gefühle im eigenen Selbst und in anderen vorzustellen. Das Konzept orientiert sich am Lighthouse-Programm gegen Kindesmisshandlung und kombiniert je fünf Einzel- und Gruppensitzungen, ergänzt durch zwei Stunden Sozialberatung. In den Modulen lernen Betroffene z.B. ihre Bindungsbeziehungen zu reflektieren sowie die Wahrnehmung und das Verständnis für das Kind zu stärken. Das Programm lässt sich zusätzlich zur stationären Therapie in fünf Wochen absolvieren.

Problematischer ist laut Prof. Kölch jedoch eher, dass Betroffene die Angebote kaum wahrnehmen. Dabei dürften Sorgen wegen familienrechtlicher Konsequenzen, Ängste vor Stigmatisierung, aber auch die mangelnde Kenntnis solcher Programme eine Rolle spielen.

*Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde

1. van Santvoort et al. Clin Child Fam Psychol Rev 2015; 18: 281-299; DOI: 10.1007/s10567-015-0191-9
2. Dittrich K et al. Psychol Med 2019; DOI: 10.1017/S0033291719001107