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Webbasierte Symptomchecker führen viele Patienten in die Irre

Autor: Michael Brendler

Auf die Diagnose von Online-Symptomcheckern sollte man sich besser nicht verlassen. Auf die Diagnose von Online-Symptomcheckern sollte man sich besser nicht verlassen. © creative soul – stock.adobe.com
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70 000 Gesundheitsfragen googelt die Menschheit jede Minute. Neben Suchmaschinen versprechen auch Apps den Laien zunehmend, die richtige Diagnose zu ihren Symptomen zu finden. Eine australische Studie zeigt, dass Patienten damit sehr vorsichtig sein sollten.

70 000 Gesundheitsfragen googelt die Menschheit jede Minute. Aber inwieweit können Patienten den Apps und Webseiten glauben schenken? Dem Internet sollte man schon aus Datenschutzgründen seine Gesundheit nicht einfach so anvertrauen, denn nicht hinter jedem Algorithmus steckt ein vertrauenswürdiger Anbieter, warnen Michella­ G. Hill von der Edith Cowan University im australischen Perth und Kollegen. Diagnosewebsites und -apps hätten zusätzlich die Tendenz, zu viele Patienten ins Krankenhaus zu schicken. Neben dem Erstellen von Diagnosen bietet KI den Nutzern eine Einschätzung der Dringlichkeit an: Reicht es, sich in den nächsten Tagen um einen Termin beim Hausarzt zu kümmern oder muss der Betroffene schnellstmöglich in die Notfallambulanz?

Die zumeist privaten Betreiber wollen in Abwesenheit echter Ärzte wohl lieber nichts anbrennen lassen: Zu 51 % führten solche Hinweise in die Irre, haben die Wissenschaftler bei der Analyse von 36 web- oder smartphone-basierten Symptomcheckern ermittelt. Getestet wurde mit fast 700 fiktiven Patienten. Nur 60 % der angeblichen Notfälle hätten auch die Studienautoren als solche eingestuft. Alle übrigen „Testpersonen“ wurden sogar nur bei 30–40 % der Anfragen an die richtige Stelle verwiesen. Solche Fehler drohen unnötig medizinische Ressourcen zu binden.

Nicht besonders klug stellte sich die Künstliche Intelligenz auch bei der Diagnosefindung an. Ihr erster Vorschlag nach Analyse der eingegebenen Stichworte (1170 fiktive Symptombeschreibungen) war in 64 % der Fälle falsch. Schaute man etwas großzügiger hin und untersuchte die Chance, zumindest mit einer der drei ersten Diagnosen richtig zu liegen, gab es zumindest eine 50:50-Chance.

„Es mag sehr verführerisch sein, im Internet die Ursache für die eigenen Beschwerden zu suchen“, wird Michella Hill in der begleitenden Pressemitteilung zitiert. „Aber meis­tens wird das Ergebnis bestenfalls unzuverlässig und schlimmstenfalls sogar gefährlich sein.“ So schien es, dass manchmal zu viele Stichworte den Algorithmus verwirrten und dadurch überhaupt keine Diagnose vorgeschlagen wurde, z.B. die Kombination „Brustschmerz, Schwitzen und Kurzatmigkeit“ bei einem Herzinfarkt im Vergleich zu Brustschmerz alleine.

Sinnvoll für Infos, wenn die Diagnose bereits feststeht

Das Problem ist ihrer Meinung nach, dass die Algorithmen nie den Patienten in seiner Gesamtheit einschließlich Vorgeschichte und des gesamten Symptomkomplexes betrachten. Zudem kommen Symptomchecker oder entsprechende Apps, die in der Regel nicht als medizinische Anwendungen gezählt werden, weitestgehend unreguliert auf den Markt. Eine Aufgabe billigt die Autorin ihnen jedoch zu: Zusätzliche Hintergrund-Informationen liefern, wenn die Diagnose eines realen Arztes bereits steht.

Quelle: Hill MG et al. Med J Aust 2020; DOI: 10.5694/mja2.50600

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