Weiterbildungsmodell qualifiziert in Mindestzeit zum Neurologen und Psychiater

Autor: Petra Spielberg

„Für das Programm erreichen uns deutlich mehr Anfragen als für die klassischen Weiterbildungsangebote.“ © iStock.com/Steve Debenport

Innerhalb von nur acht Jahren die Facharzttitel für Neurologie und Psychiatrie in der Tasche zu haben, gelingt nur wenigen Ärzten. Ein bundesweit einmaliges Projekt im niedersächsischen Rotenburg verspricht, durch Verzahnung der Weiterbildungsgänge Ärztinnen und Ärzte in Rekordzeit zum Doppelfacharzt zu qualifizieren.

Professor Dr. Carsten Konrad vom Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg ist sowohl Psychiater als auch Neurologe und weiß, wie wichtig eine Doppelqualifikation ist, um Patienten mit psychischen Erkrankungen und solchen des Nervensystems ganzheitlich versorgen zu können. Aus eigener Erfahrung weiß er aber auch, wie lang und steinig der Weg ist, beide Facharzttitel hintereinander zu erwerben. „In der Mindestweiterbildungszeit von insgesamt acht Jahren ist das kaum zu schaffen“, so der Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, ungeplante zeitliche Verzögerungen in der ersten Facharztweiterbildung und ein eventueller Wechsel von Arbeitsplatz und Lebensumfeld stünden dem oft entgegen.

Statt eins nach dem anderen: Verzahnung der Curricula

Deshalb kam Prof. Konrad 2015 auf die Idee, zusammen mit dem Chefarzt der Neurologie am Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg, Professor Dr. Reinhard Kiefer, ein Modellprojekt ins Leben zu rufen, das durch eine Verzahnung der Weiterbildungscurricula für Neurologie und Psychiatrie/Psychotherapie die Qualifikation für beide Titel innerhalb von nur acht Jahren möglich machen soll.

Um das ehrgeizige Ziel zu erreichen, rotieren die Weiterbildungsassistenten im Jahresrhythmus zwischen den beiden Fächern innerhalb des Rotenburger Klinikums. „Dieser Wechsel sorgt dafür, dass das Fachwissen der jeweils anderen Disziplin aktuell bleibt“, sagt Prof. Konrad.

Die kombinierte Weiterbildung qualifiziere die Ärzte vor allem für eine spätere Niederlassung, so der Psychiater, da Patienten sowohl mit neurologischen als auch psychiatrischen Erkrankungen weitgehend unselektiert die Praxen aufsuchen würden. „Aber auch in der stationären Versorgung bietet der Doppelfacharzt Vorteile, insbesondere wenn eine Leitungsfunktion in bestimmten Subdisziplinen angestrebt wird, etwa der Neurogeriatrie“, ergänzt Prof. Kiefer. Kontinuierliche Absprachen zwischen den Chefärzten und ein gut durchorganisierter Wechsel zwischen den Kliniken und Funktionsbereichen sollen Verzögerungen und Engpässe bei der kombinierten Weiterbildung verhindern. Einwände seitens der Landesärztekammer gibt es nicht, da sich das Modell an die gültigen Weiterbildungsordnungen beider Disziplinen hält und mit zwei getrennten Facharztprüfungen abschließt.

Kurz nach dem Wechsel sind Abläufe schon wieder vertraut

Als erste Weiterbildungsassistentin in dem Projekt ging Dr. Viviane Sterzer im Juni 2016 an den Start. Für die heute 28-Jährige war schon im Studium klar, dass sie beide Facharzttitel erwerben wollte. „Ich wusste nur nicht, mit welchem Gebiet ich anfangen sollte“, so die Ärztin. Ausschlaggebend für ihre Bewerbung in Rotenburg sei gewesen, dass es ihr die Rotationen ermöglichen, den Blick über die Fachgrenzen hinweg kontinuierlich offen zu halten, anders als bei zwei Weiterbildungen hintereinander.

Inzwischen hat Dr. Sterzer zweimal gewechselt, zunächst von der Neurologie in die Psychiatrie und im Frühjahr wieder zurück in die Neurologie. „Nach kurzer Zeit waren mir Abläufe und Inhalte wieder vertraut und ich hatte nicht das Gefühl, den Kolleginnen und Kollegen aus dem klassischen Weiterbildungsgang hinterherzuhinken“, sagt sie.

Zurzeit beträgt das Verhältnis zwischen Teilnehmern am Modell und solchen, die den traditionellen Weiterbildungsweg gehen, eins zu fünf. Die Bewerber für das Programm seien bislang ausschließlich weiblich, so Prof. Konrad, was unter anderem dem zunehmenden Frauenanteil in der Medizin geschuldet sei. „Für das Programm erreichen uns zudem deutlich mehr überregionale Anfragen als für die klassischen Weiterbildungsangebote“, so der Psychiater.

Das kombinierte Modell birgt aber auch für die Weiterbilder selbst Vorteile. „Durch den jährlichen Wechsel zwischen den Fächern bringen die Absolventinnen immer auch einen anderen, frischen Blickwinkel auf die Nachbardisziplin mit“, so Prof. Kiefer. Hinzu komme, dass sich das Klinikum mit der kombinierten Weiterbildung als attraktiver Standort im Wettbewerb um den medizinischen Nachwuchs hervorheben könne.

Karrieredenken als treibende Kraft dürfte nicht ausreichen

Das Modell ist gleichwohl nicht für jeden geeignet. „Um das große Wissensspektrum beider Fächer innerhalb von acht Jahren erwerben zu können, sind eine hohe intrinsische Motivation, Durchhaltevermögen sowie eine gute Selbstorganisation erforderlich“, betont Prof. Konrad. Wer die kombinierte Weiterbildung zu sehr aus extrinsischer Motivation – z.B. nur aus Karrieregründen – machen wolle, laufe Gefahr, nicht den notwendigen langen Atem mitzubringen. 

Quelle: Medical-Tribune-Recherche


Prof. Dr. Carsten Konrad, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Zentrum für Psychosoziale Medizin © Klinikum Rotenburg
Dr. Viviane Sterzer, Weiterbildungsassistentin Combined Residency © Klinikum Rotenburg
Prof. Dr. Reinhard Kiefer, Chefarzt der Neurologischen Klinik © Klinikum Rotenburg