Patientensicherheit im OP Zehn Sekunden, die Leben retten können

Autor: Yvonne Emard

Fast alle Gallengangsverletzungen beruhen auf der visuellen Fehlinterpretation der Anatomie und nicht auf der Technik, und sie betreffen damit auch sehr erfahrene Operateure bei schwieriger Anatomie Fast alle Gallengangsverletzungen beruhen auf der visuellen Fehlinterpretation der Anatomie und nicht auf der Technik, und sie betreffen damit auch sehr erfahrene Operateure bei schwieriger Anatomie © ShvedKristina – stock.adobe.com

Ein kurzer Stopp mit großer Wirkung: Das „10-for-10 Team Time Out“ senkt das Risiko schwerer Gallengangsverletzungen bei Cholezystektomien deutlich – und stärkt die Kommunikation im OP-Team

Ein kurzer Stopp mit großer Wirkung: Das „10-for-10 Team Time Out“ senkt das Risiko schwerer Gallengangsverletzungen bei Cholezystektomien deutlich – und stärkt die Kommunikation im OP-Team.  

Die Inzidenz von intraoperativen Gallengangsverletzungen bei Cholezystektomien zu senken, ist eine Frage der Sorgfalt. Vaskuläre Begleitschäden treten bei dem Eingriff mit 20–40 % recht häufig auf und können zur vollständigen Leber­ischämie führen. Oft ist die Arteria hepatica dextra beteiligt. „Fast alle Gallengangsverletzungen beruhen auf der visuellen Fehlinterpretation der Anatomie und nicht auf der Technik, und sie betreffen damit auch sehr erfahrene Operateure bei schwieriger Anatomie“, erklärte Prof. Dr. ­Stephan ­Kersting von der Universitätsmedizin Greifswald. 
Um das Risiko zu senken, empfahl der Experte das sogenannte „10-for-10 Team Time Out“: Zehn Sekunden Innehalten, um die nächsten zehn Minuten abzusichern.

Dabei fokussieren alle Teammitglieder im OP nach dem Prinzip „Stop – Think – Act“. Fünf systematische Fragen sollte man bei einer laparoskopischen Cholezystektomie abhandeln:

  • Anatomie: Ist der sog. Critical view of safety (zweifelsfreie Identifikation des Ductus cysticus und der Arteria cystica) erfüllt?
  • Strategie: Fortführung der Standarddissektion oder Wechsel zu einer anderen Methode?
  • Teamrollen: Wer macht was in den nächsten zehn Minuten?
  • Plan B: Wie ist das Vorgehen, wenn in zehn Minuten die Anatomie nicht gesichert ist?
  • Kommunikation: Wer darf „Stopp“ sagen, wenn Zweifel bestehen?  

Die Antwort auf die letzte Frage sollte nach Meinung von Prof. Kersting unbedingt lauten: Jeder darf jederzeit intervenieren. Er zog eine Parallele zu einer koreanischen Fluggesellschaft, die nach einer Analyse mehrerer kritischer Vorfälle im Cockpit die Hierarchien umstellte. Jüngere Flugangestellte wurden nun nicht mehr als Co-Pilotinnen und -Piloten eingesetzt, sondern übernahmen das Hauptruder. Der Grund: Jüngere trauten sich häufig nicht, ihre älteren Kolleginnen und Kollegen auf Fehler aufmerksam zu machen oder ihnen zu sagen, was zu tun ist. „Das ist ähnlich in der Chirurgie, würde ich sagen“, konstatierte der Referent und ermutigte auch die Jüngsten im Ärzteteam, während einer OP jederzeit mögliche Bedenken zu äußern.