Anpassungsreaktionen bei langjährigen Athleten richtig einordnen

Autor: Kathrin Strobel

Der Extreme-Exercise-Hypothese zufolge sind mehr als 9 Stunden Training pro Woche ungesund. Der Extreme-Exercise-Hypothese zufolge sind mehr als 9 Stunden Training pro Woche ungesund. © iStock/Dmytro Aksonov

Leistungssportler sind eine spezielle Patientengruppe – vor allem in der Kardiologie. Zwar unterscheidet sich das diagnostische Vorgehen bei ihnen nicht wesentlich von dem bei Nichtsportlern. Dennoch muss bei professionellen Athleten einiges beachtet werden.

Besondere Relevanz haben Patienten aus den Mixed- und Endurance-Disziplinen, erklärte der Sportkardiologe Dr. Pascal­ Bauer­ vom Universitätsklinikum Gießen. Denn vor allem bei Leis­tungssport mit einer ausgeprägten Ausdauerkomponente kommt es zum kardialen Remodeling. Als Leis­tungssportler gilt,

  • wer täglich intensiv trainiert,
  • regelmäßig an mindestens überregionalen Wettkämpfen teilnimmt
  • und aktives Mitglied in einem Verein oder Verband ist.

Dabei sollte man zwischen Weltklasse- bzw. Olympiasportler, nationalem Elitesportler und Beginner mit kürzerer Trainings- und Wettkampf­historie unterscheiden.

Schmerzen werden von Profis kaum wahrgenommen

(Berufs-)Athleten sind in der Regel sehr fokussiert auf Leistung und Erfolg. Sie trainieren im hochintensiven Bereich, Schmerzen während des Trainings sind für sie normal und werden kaum wahrgenommen. Daher ist das erste und oft einzige Symptom ein Leistungsrückgang.

Und nicht immer treibt die Vernunft den Sportler an, warnte der Kardiologe. Denn ist es der Beruf, besteht immer auch ein finanzielles sowie ein öffentliches Interesse. So kommt es vor, dass jemand einen Wettkampf oder ein wichtiges Spiel trotz eindeutiger Krankheitszeichen wie Fieber antritt. Die Folgen können drastisch sein: Vor allem bei älteren männlichen Athleten steigt dann das Risiko für einen plötzlichen Herztod deutlich (s. Kasten).

Plötzlicher Herztod in Zahlen

In Deutschland erleiden jährlich 950 Menschen einen plötzlichen Herztod. In 95 % der Fälle trifft es Männer. Das Risiko liegt bei unter 35-jährigen Nichtathleten bei 0,5/100 000 Personen. Bei gleichaltrigen Leistungssportlern hingegen ist die Wahrscheinlichkeit um den Faktor 4 erhöht – auf 2/100 000 („Sport-Paradox“).

40 % der Betroffenen sind jünger als 18 Jahre. Bei U-35-Sportlern sind die Ursachen meist angeboren. Insbesondere die hypertrophe Kardiomyopathie spielt dabei eine Rolle, aber auch Koronaranomalien und die linksventrikuläre Hypertrophie. „Daher ist es beim Screening wichtig, die angeborenen Herzerkrankungen zu erkennen“, betonte Prof. Bauer.

Bei Masterathleten (d.h. > 35 Jahre) sind es eher erworbene Erkrankungen, allen voran die KHK, die das Herz zum Stillstand bringen. Als Risikofaktoren gelten u.a. schlechter Trainingszustand, akute Krankheit, Training in hoher Intensität, langandauernde Belastung und Substanzmissbrauch.

Um diese besondere Patientengruppe bestmöglich zu betreuen, sollten Sie das Niveau der sportlichen Leistungen (Bestleistungen, Platzierungen) einschließlich physiologischer Kenngrößen der körperlichen Leistungsfähigkeit kennen. Als wichtig gelten außerdem Angaben zu Dauer, Umfang und Intensität des Trainings (Trainings­anamnese). Auch die Altersklasse spielt eine Rolle: Handelt es sich um einen Jugendlichen, einen jüngeren Erwachsenen im Alter von 18–35 Jahren oder einen älteren Erwachsenen (sogenannte Masterathleten)?

Und schließlich sollte man wissen, welche Disziplin der Patient ausübt. Ist dafür eher Geschicklichkeit gefragt (z.B. Golf, Bogenschießen) oder werden Kraft (z.B. Gewichtheben, Diskuswurf), Ausdauer (z.B. Rennradfahren, Rudern) oder beides zu ähnlichen Teilen (z.B. Ballsportarten, Fechten) trainiert? Alle genannten Punkte sind im Rahmen einer Sportanamnese zu erheben. Hierfür empfiehlt Dr. Bauer den „Fragebogen für den Sportler“ von der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention.

Während moderat betriebener Ausdauersport insgesamt einen positiven Effekt auf die Gesundheit hat und das kardiovaskuläre Risiko senkt, führt ein zu intensives Training über längere Zeit eher zu Gesundheitsproblemen, erklärte der Kollege. Dieser „Extreme Exercise Hypothesis“ zufolge zieht man bei etwa neun Stunden wöchentlich den größten gesundheitlichen Vorteil aus dem Training – bei längeren Zeiten reduziert sich der schützende Effekt wieder. Zudem erhöht langjähriger Ausdauersport das Risiko für Vorhofflimmern, insbesondere bei Männern.

Auffälliges EKG ist die Regel und nicht die Ausnahme

EKG-Veränderungen finden sich bei 86 % aller Athleten. 73 % kann man als normale Anpassungen an den Sport ansehen, 13 % sind als krankhaft einzustufen. Da es oft – und insbesondere bei Jugendlichen – schwerfällt, normal von nicht normal zu unterscheiden, wurde 2017 eine Orientierungshilfe veröffentlicht: Die (überarbeiteten) Seattle-Kriterien bieten ein Ampelsystem, das die Unterscheidung zwischen sportbedingten, weiter abklärungsbedürftigen und pathologischen Veränderungen vereinfacht (s. Tabelle).

Kardiovaskuläre Anpassungen im EKG von Ausdauersportlern nach den Seattle-Kriterien
NormalbefundeGrenzwertige BefundeAbnormale Befunde
  • QRS-Amplituden wie bei linksund rechtsventrikulärer Hypertrophie
  • ektoper atrialer oder junktionaler Rhythmus
  • inkompletter Rechtsschenkelblock
  • Sinusbradykardie, Sinusarrhythmien
  • AV-Block 1. Grades
  • AV-Block 2. Grades Typ Mobitz I (Wenckebach)
  • frühe Repolarisation
  • T-Wellen-Inversion in V1-V3 bei jungen Sportlern (unter 16 Jahre)
  • konvexe ST-Hebung kombiniert mit T-Welleninversion in V1–V4 bei schwarzen, afrikanischen Sportlern
  • Linksachsenabweichung
  • Rechtsachsenabweichung
  • vergrößerter linker Vorhof
  • vergrößerter rechter Vorhof
  • vollständiger Rechtsschenkelblock
  • T-Wellen-Inversion
  • ST-Streckensenkung
  • pathologische Q-Zacken
  • vollständiger Linksschenkelblock
  • QRS ≥ 140 ms
  • Epsilon-Welle
  • ventrikuläre Präexzitation
  • verlängertes QT-Intervall
  • Brugada-EKG Typ 1
  • ausgeprägte Sinusbradykardie < 30/ min
  • PR-Intervall ≥ 400ms
  • AV-Block 2. Grades Typ Mobitz II
  • AV-Block 3. Grades
  • ≥ 2 ventrikuläre Extrasystolen innerhalb von 10 Sekunden
  • atriale Tachyarrhythmien/ventrikuläre Arrhythmie
Treffen mindestens zwei dieser grenzwertigen Kriterien zu, ist eine Abklärung erforderlich.

Das Problem „junge Leistungssportler“ adressiert ein ebenfalls 2017 erschienenes Positionspapier der European Heart Rhythm Association und der European Association of Cardiovascular Prevention and Rehabilitation der European Society of Cardiology. Hierin finden sich Empfehlungen und Schemata zur Untersuchung junger Athleten.1 

Quelle: 1. Mont L et al. Eur J Prev Cardiol 2017; 24: 41-69; DOI: 10.1177/2047487316676042