Auf Spurensuche in Sachen Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Autor: Dr. Anja Braunwarth

Die Mehrheit der Laktoseintoleranten verträgt ein Glas Milch pro Tag. © fotolia/absolutimages

Von Weizen ernährten sich einst ganze Generationen. Heute entsteht der Eindruck, es sei hip, an einer Gluten- oder anderen Unverträglichkeit zu leiden. Die Prävalenzen scheinen dabei so schnell zu steigen wie die Absatz­zahlen der „Frei von“-Produkte. Woran liegt das?

Glutenunverträglichkeit

„Wie der Weizen uns vergiftet“ oder „Dumm wie Brot“ – Titel wie diese avancieren zu Bestsellern und sorgen ordentlich für Negativschlagzeilen über das Getreide. Tatsächlich ernähren sich mittlerweile 7 % der Deutschen glutenfrei, berichtete Julia­ Zimmermann vom Institut für Ernährungsmedizin der Universität Hohenheim. Entsprechend hat sich der Umsatz glutenfreier Produkte alleine in den vergangenen drei Jahren mehr als verdoppelt.

Echte Intoleranz nur bei 1 %

Medizinisch gesehen ist das Thema deutlich weniger relevant als es die Zahlen vermuten lassen. Experten schätzen die Prävalenz der echten Weizenintoleranz in der westlichen Welt auf rund 1 %, Frauen trifft sie häufiger. Wichtig sei in diesem Zusammenhang, die Unverträglichkeit klar von einer IgE-vermittelten Allergie und der Zöliakie abzugrenzen, betonte die Referentin. Deshalb bezeichnet man sie als Nicht-Zöliakie-Gluten-Sensitivität (NCGS). Ihrem Ursprung konnten Wissenschaftler bis heute nicht auf die Spur kommen. Thesen zur immunvermittelten Genese konkurrieren gegen Theorien der nicht-immunvermittelten Entstehung. Und mit einer gestörten Mikrobiota bzw. schuldigen Biomarkern stehen zwei weitere Kandidaten im Ring. Letztlich handelt es sich also derzeit um eine Ausschlussdiagnose, die eine doppelblinde, randomisierte Weizenprovokation voraussetzt.

Laktoseintoleranz

Hierzulande wesentlich verbreiteter ist die Laktoseintoleranz mit einer Prävalenz von 15–20 %. Ihr zugrunde liegt in den meisten Fällen ein adulter Laktasemangel, der sich v.a. zwischen dem 5. und 20. Lebensjahr manifestiert, erklärte Professor Dr. Dr. Anja Bosy-Westphal von der Abteilung Humanernährung an der Universität Kiel. Manchmal kommt es infolge gastrointestinaler Erkrankungen zu einem sekundären, jedoch meist passageren Enzymdefizit.

Betroffene müssen den Milchzucker allerdings nicht per se vom Speiseplan streichen. In verschiedenen Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass die Mehrheit etwa 12 g Laktose bzw. ein Glas Milch über den Tag verteilt verträgt. Auch in puncto Medikamente sind sie auf der sicheren Seite. Die Menge der enthaltenen Disaccharide bereiten keine Probleme, fasst Prof. Bosy-Westphal zusammen.

Fruktosemalabsorption

Die Zahl an Fruktoseintoleranzen steigt seit den 1980er-Jahren. Grund dafür könnte sein, dass wir mittlerweile deutlich mehr Fruchtzucker zu uns nehmen, welcher die Transportproteine überfordert. Wollen Patienten trotzdem nicht darauf verzichten, riet Prof. Bosy-Westphal zum Mixen: Lebensmittel oder Getränke mit einem Fruktose-Glukose-Verhältnis von 1:1. In dieser Mischung erleichtert die Glukose die Resorption der fruchtigen Verwandtschaft.

Atemtests sind unzuver­lässiger als Symptome

Für Zuckerintoleranzen gilt generell: Atemtests sind unzuverlässiger als die Symptome. Deshalb sollte sogar nach einem negativen Testergebnis, aber passender Anamnese, ein diätetischer Therapieversuch folgen. Zuckeralkohole als Ersatz eignen sich nur bedingt, denn auch sie werden oft schlecht vertragen. Mehr Erfolg versprechen Isomaltooligosaccharide (siehe Kasten).

Der ideale Zucker?

Isomaltooligosaccharide (IMO) besitzen 60 % der Süßkraft von Zucker. Ihre Toleranz liegt mit 1,5 g/kg KG laut Prof. Bosy-Westphal auf recht gutem Niveau, außerdem haben sie einen niedrigen glykämischen Index, wirken nicht kariogen und entfalten gewisse prebiotische Effekte. Da sie sich im Gegensatz zu anderen Austauschstoffen auch zum Karamellisieren eignen, könnten sie sich tatsächlich zu einem sehr guten Ersatz für herkömmliche Zucker entwickeln.

Histaminintoleranz

Ganz unterschiedlich wirkt sich eine Histaminose aus, die typischerweise Frauen nach dem 40. Lebensjahr trifft. Das biogene Amin, welches durch Diaminoxidase (DAO) abgebaut wird, findet sich dabei nicht nur in alkoholischen Getränken oder Schokolade. Auch Thunfisch, Makrelen, Hartkäse, Salami und Tomaten können tückisch werden. Anaphylaktische Reaktionen gehören zu den bekanntesten Folgen einer Unverträglichkeit, wobei Histamin noch einiges mehr auf dem Kasten hat, erklärte Professor Dr. Reinhart­ Jarisch, Dermatologe und Allergologe aus Wien.

Es ist z.B. für die Seekrankheit und das Schwangerschaftserbrechen verantwortlich. Schwangere mit einer Intoleranz haben später aber Vorteile: Ab der 12. Woche steigen die DAO-Spiegel signifikant an, Histamin fällt ab und die künftigen Mütter können nach Lust und Laune jeder sonst verbotenen Vorliebe frönen – abgesehen vom Alkohol natürlich.

Histaminwerte im Blut helfen bei der Diagnose kaum weiter, da sie meist im Normbereich liegen. Der Referent verwies deshalb auf Provokationstests. Für die Therapie gilt dann: das Amin konsequent meiden. Zusätzlich helfen Anihistaminika oder DAO-haltige Kapseln vor den Mahlzeiten. Da eine inverse Reaktion zwischen Hist­amin und Vitamin C besteht, trägt der reichhaltige Verzehr von Obst und Gemüse dazu bei, die Spiegel des Übeltäters zu senken.

Quelle: Kongressbericht, Ernährung 2018