Belegärzte als Teamplayer: Neues Konzept soll helfen, die kontinuierliche Betreuung von Krebspatienten zu sichern

Autor: Cornelia Kolbeck

Die Anzahl der Belegärzte ging in den vergangenen Jahren zurück. © iStock/alvarez

Die Anzahl der Belegärzte ging in den vergangenen Jahren zurück. Im Jahr 2007 gab es 5982 von ihnen, 2016 nur noch 4906. Ein Vertrag zur Versorgung onkologischer Patienten könnte das Interesse an der belegärztlichen Arbeit neu entfachen.

Der Entwurf für eine Ergänzung der Onkologie-Vereinbarung wurde im Rahmen der KBV-Vertragswerkstatt gemeinsam mit dem Berufsverband der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen (BNHO) und dem Bundesverband der Belegärzte (BdB) entwickelt. Ziel aller Beteiligten ist es, die Lebensqualität von Krebspatienten durch sektorenübergreifende Kompetenznetzwerke zu verbessern.

„Mit diesem Konzept haben wir einen konkreten Vorschlag entwickelt, wie Versorgung aus einer Hand unabhängig von den Sektorengrenzen funktionieren kann“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Gassen.

Am Beginn eines großen Umwandlungsprozesses

Er sieht die Ärzteschaft am Beginn eines großen Umwandlungsprozesses von stationären zu ambulanten Strukturen, bei dem auch das Belegarztwesen neu zu fassen sei: „Ein erweitertes Belegarztwesen, vielleicht auch in Zusammenspiel mit einer völlig neuen Form von Praxiskliniken, bietet dafür den Rahmen.“ Auch für Kollegen in den Kliniken könnte die Arbeit in einem solchen System attraktiv sein, vor allem wenn Klinikbetten abgebaut werden. Von der Politik wünscht sich der KBV-Chef Unterstützung, u.a. sollte der Erlaubnisvorbehalt für das Belegarztwesen gekippt werden. Auch müssten die Kliniken Anreize erhalten, Belegärzte aufzunehmen. Und belegärztliche Betten sollten besser in den Landeskrankenhausplänen berücksichtigt werden.

KBV-Vorstand Dr. Stephan Hofmeister bezeichnete das onkologische Vertragskonzept als „Blaupause für andere Versorgungsbereiche“. Die hausärztliche Tätigkeit wirke bei allen Angeboten, auch bei kurzen stationären Aufenthalten, als Kristallisationspunkt und ermög­liche eine kontinuierliche Versorgung über Sektorengrenzen hinweg. Als Ausgangspunkt der Überlegung für das vorgelegte Konzept nannte BNHO-Vorstand Professor Dr. Wolfgang Knauf die zu erwartende weitere Zunahme bei Krebs­erkrankungen infolge des medizinischen Fortschritts verbunden mit einer zunehmenden Chronifizierung. Notwendig werde damit auch ein steigender Bedarf an Langzeitbetreuung – ambulant, aber auch während immer wiederkehrender stationärer Aufenthalte. „Die Behandlung aus einer Hand über viele Jahre und mit immer gleichen Ansprechpartnern ist ein hohes Gut für die Patienten“, sagte Prof. Knauf. Er zeigte sich überzeugt, dass die angedachten belegärztlichen sektoren­übergreifenden Kompetenznetzwerke diese Herausforderung am besten meistern können.

Belegarzt ist ein „Wandler zwischen den Welten“

„Viele Gründe sprechen für eine Renaissance des Belegarztes“, erklärte BdB-Vertreter Dr. Andreas W. Schneider. Der Belegarzt biete dem Patienten Sicherheit im intersektoralen Raum und er sichere eine wohnortnahe Betreuung onkologischer Patienten. „Der Belegarzt ist ein Wandler zwischen den Welten.“

Dr. Schneider verwies ferner dar­auf, dass Honorarärzte durch eine im Vergleich zur Klinik kürzere Liegedauer den Krankenkassen im Schnitt 32 % weniger Kosten verur­sachten. Inwieweit das jetzt vorgelegte Vertragsmodell tatsächlich mit Leben erfüllt wird, hängt nun von regionalen ärztlichen Interessen ab, aber auch vom Willen der Krankenkassen, mitzuziehen. 

Versorgung von Krebspatienten „durch den behandlungsführenden Arzt im sektorenübergreifenden Kompetenznetzwerk“

Das Konzept von KBV, BNHO und BdB für die Versorgung von Krebspatienten in einem Kompetenznetzwerk kann als Blaupause für regionale Kooperationen dienen. Einem Netzwerk sollen mindestens drei Belegärzte angehören, die auch an der Onkologievereinbarung beteiligt sind. Durch eine geregelte gegenseitige Vertretung im Urlaubs- oder Krankheitsfall kann ein Krebspatient kontinuierlich betreut werden. Organisiert wird der Prozess durch einen „behandlungsführenden Arzt“, der mit dem Hausarzt des Patienten zusammenarbeitet. Der Hausarzt bzw. der behandelnde Facharzt wird kontinuierlich über Therapiewahl und -verlauf informiert, er kann auch an Teambesprechungen, die seinen Patienten betreffen, teilnehmen. Dem Vertragsentwurf zufolge sollen die teilnehmenden Ärzte eine onkologisch qualifizierte Medizinische Fachangestellte (Fortbildungscurriculum „Onkologie“) beschäftigen. Diese verfügt über mindestens zwei Jahre Berufserfahrung in einer Arztpraxis sowie über persönliche, soziale und fachliche Kompetenzen in der Versorgung onkologischer/hämatologischer Patienten.

Dem Team gehört zudem mindestens ein Case Manager an, der das Fortbildungscurriculum der Bundesärztekammer „Case Management in der ambulanten Versorgung“ erfolgreich absolviert hat. Mindestens 20 Stunden pro Woche sind für seine Arbeit einzuplanen. Zu seinen Aufgaben gehört u.a. Hilfe für den Patienten bei Entlassung aus dem Krankenhaus, bei Fragen zur Krankenversicherung, bei Terminvereinbarung zwecks Parallel- oder Folgebehandlungen oder bei der Organisation der Pflege.

Die Arbeit des Netzwerks schließt Kooperationen zwecks erforderlicher palliativmedizinischer Behandlungen ein, d.h. die Zusammenarbeit mit stationären Pflegeeinrichtungen, Hospizdiensten, Palliativstationen oder SAPV-Teams. Fakultativ ist das Einbinden einer psychosozialen Fachkraft und eines Psychotherapeuten bei psychoonkologischem Versorgungsbedarf.

www.kbv.de/media/sp/VWS_Vereinbarungsentwurf_Belegarzt_Onkologie.pdf