Desinfektion macht Händewaschen meistens überflüssig

Autor: Michael Brendler

Wer häufig die Hände wäscht, schädigt nur seine Hautbarriere. © iStock/rclassenlayouts

Vor und nach jedem Patientenkontakt die Hände desinfizieren, predigt die WHO. Aber gehört zur perfekten Hygiene auch das Waschen? Und wie beeinflussen Cremes oder andere Faktoren die Beseitigung der Keime? Solche Fragen versucht das Robert Koch-Institut nun ein für allemal zu klären.

Wer durch gründliche Hygiene Bakterien eliminieren will, bereitet ihnen oft gleichzeitig den Weg. Untersuchungen aus Schweden und Großbritannien zeigen: Eine vermehrte Händehygiene führt häufig zu Hautproblemen – und auf kaputten Händen widerstehen Bakterien Desinfektionsmitteln deutlich stärker. Kontaktdermatitiden und irritativ-toxische Beschwerden sind bei Beschäftigten im Gesundheitswesen doppelt so häufig wie bei anderen Menschen, weiß man aus Skandinavien. Und die Läsionen erschweren nicht nur die Keimentfernung, sie sind auch dichter damit besiedelt.

Es geht nicht um saubere, sondern desinfizierte Hände

Wie lässt sich dieser Konflikt zwischen Infektionsvermeidung und Schutz der Mitarbeiter lösen?, fragen Professor Nils-Olaf Hübner vom Zentralbereich Hygiene der Universitätsmedizin Greifswald und Dr. Ingeborg Schwebke von der Abteilung für Infektionskrankheiten des Robert Koch-Instituts. Einige wichtige Werkzeuge haben sie ausgemacht: kürzeres Handschuhtragen, einen grundsätzlichen Verzicht darauf, die Hände zu waschen, sowie Hautschutz und -pflege.

So konnten skandinavische Wissenschaftler zum Beispiel 2018 zeigen, dass eine längere Tragedauer von Handschuhen die Dermis angreift. Ein weiteres Ergebnis der schwedischen Studie: Auch häufiges Waschen mit Seife ging mit solchen Problemen einher, nicht jedoch häufiges Desinfizieren. Dennoch wird das eine oft nicht ohne das andere durchgeführt: „Es besteht die Vermutung, dass die Beschäftigten fälschlich die Desinfektion als Ergänzung und nicht als Ersatz für das Waschen ansehen“, so die Autoren. Es geht aber nicht um „saubere“, sondern um desinfizierte Hände.

Denn solange sich der Schmutz in Grenzen hält, tötet der Alkohol die Keime nicht schlechter. Seine Wirkung wird durch Proteine oder andere Substanzen kaum eingeschränkt. Der Einsatz von Seife sollte in diesem Zusammenhang deshalb die Ausnahme bleiben. Es sei denn, es geht darum, Sporen, Helminthen, Protozoen oder Oozysten zu entfernen, gegen die Desinfektionsmittel nicht wirken. Ebenfalls unbeeinflusst bleibt der Effekt, wenn Cremes oder andere schützende Substanzen auf der Haut aufgetragen sind.

Viele Menschen bringen als Argument für das Händewaschen vor, dass alkoholische Mittel brennen. Tatsächlich zeigt das Brennen aber nur an, dass die Hautbarriere bereits beschädigt ist. Deshalb sollte in solchen Fällen eher auf das Tragen von Handschuhen oder das Reinigen verzichtet werden. Denn beide sind für die Haut noch deutlich schlechter.

Richtige Hautdesinfektion

Zwischen der Menge des eingesetzten Desinfektionsmittels und der mikrobakteriellen Reduktion besteht ein klarer Zusammenhang. Mindestens 2 ml Lösung sind nötig, um die Handflächen ausreichend zu benetzen. Soll auch der Rücken keimbefreit werden, braucht man mindestens 3 ml und bei besonders großen Händen noch größere Mengen. Eine Verdünnung durch Restfeuchte in der Haut, beispielsweise durch vorheriges Waschen oder Schwitzen, senkt die Wirksamkeit der Substanzen. Von Hände-Desinfektionstüchern raten die Experten ab, sie helfen nicht besser als Tücher ohne Desinfektionsmittel.

Der Alkohol ist nicht die Ursache der Probleme

Entbehrlich sind laut den beiden Experten lokale antiseptische Wirkstoffe in Waschpräparaten und alkoholischen Desinfektionsmitteln. Nicht nur, weil ihr Nutzen nie belegt wurde, sie führen auch zur Sensibilisierung und Resistenzentwicklung. Mythen und Fehlannahmen begleiteten die Händedesinfektion schon seit Semmelweis, mahnen sie. Ihnen geht es vor allem darum, eines richtigzustellen: Alkoholische Händedesinfektion stellt die Lösung und nicht die Ursache für Hautprobleme dar.

Quelle: Hübner NO, Schwebke I. Epid Bull 2019; 19: 157-161