Deutschland impft mit der falschen Pneumokokkenvakzine

Autor: Manuela Arand

An durch S. pneumoniae verursachten Lungenentzündungen sterben in Deutschland jedes Jahr über 10 000 Menschen. © iStock.com/Scharvik

Die aktuelle STIKO-Empfehlung zur Pneumokokkenimpfung taugt nicht viel, urteilt Professor Dr. Tobias Welte. Dass die Polysaccharidvakzine den Vorzug vor der Konjugatvakzine bekomme, habe ausschließlich Kostengründe.

Für die meisten chronisch Kranken und für gesunde über 60-Jährige empfiehlt die STIKO die Impfung mit der 23-valenten Polysaccharidvakzine (PPSV23). Nur Menschen mit Immundefekten oder einem erhöhten Risiko für eine Pneumokokkenmeningitis sollen sequenziell erst mit dem 13-valenten Konjugatimpfstoff (PCV13) und nach sechs bis zwölf Monaten mit PPSV23 immunisiert werden. „Ich bin sicher, dass alle Daten zeigen, dass der Konjugatimpfstoff besser ist“, sagte Prof. Dr. Tobias Welte, der die Pneumologie an der Medizinischen Hochschule Hannover leitet.

Polysaccharidimpfung mindert B-Zellen im Lymphknoten

Für die von der STIKO vorgesehene Sequenzimpfung gebe es keinerlei Daten, ebenso wenig für die Empfehlung, die PPSV23-Impfung nach sechs Jahren zu wiederholen.Seine Skepsis gegenüber PPSV23 begründete der Kollege mit einer aktuellen Studie, die prospektiv alle über 65-jährigen Patienten mit ambulant erworbener Pneumonie einschloss.

Diese waren über einen Zeitraum von drei Jahren in vier japanischen Krankenhäusern behandelt worden. Die Forscher testeten die Sputumproben auf Pneumokokken, ermittelten bei positivem Befund den Serotyp und glichen das Ergebnis mit den in PPSV23 enthaltenen Serotypen ab.

Das Ergebnis: Die Effektivität der Polysaccharidvakzine betrug 27 % bezogen auf alle Pneumokokkenpneumonien und 33 % bezogen auf die Impfstoffserotypen. Prof. Welte erinnerte daran, dass PCV13 in der CAPITA-Studie 45 % der Pneumonien und 75 % der Pneumokokken-Bakteriämien verhindert hatte. Real-Life-Daten aus den USA, wo PCV13 empfohlen ist, zeigen eine Effektivität gegen Pneumonien von etwa 70 %.

Ein weiteres Argument gegen PPSV23: Seine Schutzwirkung schwindet schnell und liegt schon nach einem Jahr praktisch bei null. Der Grund liegt darin, dass Polysaccharidimpfstoffe keine ausreichende Antikörperantwort provozieren. „Das heißt, Sie müssten theoretisch jedes Jahr nachimpfen – das geht aber nicht“, erklärte der Pneumologe. Um eine brauchbare Immunantwort auf Polysaccharidvakzine zu erzeugen, braucht der Körper im Lymphknoten B-Zellen. Jede Polysaccharidimpfung führt aber dort zur temporären B-Zelldepletion. Erst nach fünf Jahren sind die Zellzahlen soweit restauriert, dass die Impfung wieder anschlägt. Wieso hält die STIKO an PPSV23 fest, obwohl PCV13 so viel besser abschneidet? Das Gremium zieht zur Begründung eine Sekundäranalyse von CAPITA heran.

Baldiges Aus für PPSV23

Diese zeigt zwar, dass PCV13 für alle Patientengruppen deutlich bessere Ergebnisse bringt, aber mehr Kosten verursacht. Und bei dem festgelegten QALY – also der Summe, die für angemessen befunden wurde, einen Menschen zu schützen – lag PCV13 immer über der Schwelle, PPSV23 immer darunter.

Wahrscheinlich wird sich das Problem über kurz oder lang von selbst lösen, versuchte Prof. Welte den Kollegen Mut zu machen. Denn zurzeit wird ein 15-valenter Konjugatimpfstoff entwickelt, der bereits hervorragende Immunitätsergebnisse zeigt. Prof. Welte ist überzeugt, dass diese Vakzine schon deshalb das Aus für PPSV23 bedeuten wird, weil sie vom selben Hersteller stammt und es keinen zweiten Anbieter für Pneumokokken-Polysaccharidimpfstoffe gibt.

Quelle: 15. Pneumologie-Update-Seminar