Gewichtsreduktion: „Das grenzt schon an Selbstverletzung“

Autor: Friederike Klein

Zur Gewichtsreduktion scheint Menschen mit Essstörung jedes Mittel recht. © weixx – stock.adobe.com

Sie erbrechen, nehmen Laxanzien, Diuretika, Schilddrüsenpräparate oder treiben exzessiv Sport: Essgestörte Patienten kompensieren ihre Nahrungszufuhr teilweise so extrem, dass sie ohne stationäre Therapie nicht davon loskommen.

Kompensatorische Verhaltensweisen tragen wesentlich zu den körperlichen Komplikationen von Essstörungen bei. Oft bekommen es Ärzte mit Hypokaliämie, metabolischen Azidosen, Knöchelödemen oder geschädigter Schleimhaut in Speiseröhre, Magen und Darm zu tun. Auch komorbide psychische Leiden treten bei Patienten mit Bulimie oder Anorexia nervosa gehäuft auf, allen voran Depressionen und Suizidalität.

50 Abführtabletten nach dem Essen

Professor Dr. Martina de Zwaan von der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover berichtete über Patienten, die täglich bis zu 50 Tabletten eines Abführmittels einnehmen, um das Gegessene schnell wieder aus dem Körper zu befördern. „Das grenzt schon an selbstverletzendes Verhalten“, betonte die Kollegin.

Abhängig von der Schwere des Laxanzien- bzw. Diuretika-Purgings, dem Ausmaß (BMI ≤ 13 kg/m²) und der Geschwindigkeit des Gewichtsverlustes (> 20 % über sechs Monate) sollte die Therapie stationär erfolgen. Auch weil nach dem Absetzen der Substanzen mit einer schweren Obstipation und einer starken Flüssigkeitsretention über 5–10 Tage zu rechnen ist. Auf der Waage kann das schon mal zu einem Plus von 10–30 kg führen.

Diabetiker lassen ihr Insulin weg

Besondere Aufmerksamkeit erfordern Typ-1-Diabetiker. Manche lassen ihr Insulin absichtlich weg oder dosieren es zu niedrig, um durch die resultierende Glukosurie einen zusätzlichen Kalorien- und damit Gewichtsverlust zu erreichen, erklärte Prof. de Zwaan. Diese kompensatorische Verhaltensweise werde bei bis zu 60 % der Diabetespatienten mit Essstörung berichtet. Aber auch rund 30 % der nicht-essgestörten Mädchen und Frauen mit Diabetes sollen betroffen sein.

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