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Hörvermögen und Geräusche beeinflussen das Gleichgewicht

Autor: Dr. Barbara Kreutzkamp

Neben dem Vestibularapparat scheint auch das Hörsystem darüber zu entscheiden, wie sturzgefährdet eine Person ist. Ein Hörgerät könnte daher das Risiko senken. Neben dem Vestibularapparat scheint auch das Hörsystem darüber zu entscheiden, wie sturzgefährdet eine Person ist. Ein Hörgerät könnte daher das Risiko senken. © iStock/Canetti
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Prüfen Sie bei ihren­ Patienten mit Sturzgefahr das Hörvermögen. Ist es eingeschränkt, könnte ein Hörgerät helfen, das Gleichgewicht zu bewahren.

Ob jemand im Stehen und beim Bewegen die Balance halten kann, hängt u.a. von seinem Hörvermögen und der Geräuschkulisse ab. Die Zahl der Studien zu dieser Thematik nimmt zu, doch die Datenlage ist nicht eindeutig. Um im Faktenwald einen Durchblick zu bekommen und insbesondere die Relevanz von Hörbeeinträchtigungen und Stürzen bei Älteren zu überprüfen, durchforsteten US-Forscher die Daten und erstellten ein sys­tematisches Review von 28 Studien mit mehr als 700 Teilnehmern.

Untersucht worden waren in 64 % der Einzelstudien gesunde Erwachsene, daneben im geringeren Umfang mit 14 % Personen mit Hörverlusten sowie Teilnehmer mit angeborener Blindheit (7 %) oder Vestibularisausfall (11 %). An einer einzelnen Studie nahmen Menschen mit Alzheimer-Demenz teil. Die verschiedene Settings umfassten Hörstimuli mit natürlichen oder künstlichen Geräuschen, die zum Teil gleichbleibend oder „bewegt“ über Lautsprecher bzw. Kopfhörer erklangen. Die ausgeführten Balanceübungen erfolgten im Stehen auf festem Boden oder Schaumstoff. Teilweise mussten die Personen die Augen offen halten, teilweise geschlossen.

Stabilität durch Cocktailpartys oder fließendes Wasser

Für die Gesunden ergaben die verschiedenen Studien kein einheitliches Bild. So beeinträchtigte ein Ton, der sich vom einen zum anderen Ohr „bewegte“ in einer Untersuchung die Stabilität der Teilnehmer, in einer anderen keinesfalls. Die Autoren vermuten, dass wenn alle Sinne verfügbar sind, Hören weniger ins Gewicht fällt. Außerdem lassen sich Töne ausblenden, sodass sie nicht unbedingt einen Effekt erzielen.

In den Gruppen mit Beeinträchtigung förderten i.d.R. Geräusche das Gleichgewicht, wenn sie gleichmäßig beide Ohren erreichten. Ein Ton, der z.B. über Kopfhörer oder Lautsprecher von einer zur anderen Kopfseite „sprang“, förderte dagegen Schwankbewegungen – vor allem bei hörgeminderten Personen und Patienten mit Vestibularisausfall.

Am hilfreichsten für die Stabilität erwiesen sich konstante Hintergrundlaute z.B. vom Typus Cocktailparty oder fließendes Wasser. Die gleichbleibende und wenig störende Geräuschkulisse stabilisierte vor allem bei anspruchsvollen Balanceübungen und half insbesondere hörgeminderten als auch blinden Personen beim Bewahren der aufrechten Haltung.

Sturzpatienten ab 70 Jahren zum Hörtest schicken

Geräusche fungieren als Anker und ermöglichen dem Hörenden ein Bild der Umgebung, schreiben die Autoren um Professor Dr. Anat­ V. Lubetzky­, Steinhardt School of Culture, Department of Physical Therapy, New York University. Insbesondere wenn ein anderer Sinn eingeschränkt ist, mutmaßen die Forscher. Zwar bietet die Datenlage noch kein eindeutiges Bild, doch bereits eine Tendenz. Deshalb fordern die Wissenschaftler, in der Praxis bereits jetzt von Patienten ab 70 Jahren mit Sturzanamnese auch die Hör­fähigkeit zu überprüfen. Ist sie eingeschränkt, könnte eine Hörhilfe vor Stürzen schützen.

Quellen:
1. Pressemitteilung Mount Sinai Hospital
2. Lubetzky AV et al. JAMA Otolaryngol Head Neck Surg 2020; DOI: 10.1001/jamaoto.2020.0032

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