Insulinome werden durch Nahrungskarenz symptomatisch

Autor: Dr. Judith Lorenz

Mit dem Hungertest wird deutlich, ob es sich um ein Insulinom handelt. Mit dem Hungertest wird deutlich, ob es sich um ein Insulinom handelt. © Science Photo Library/CNRI

Unspezifische neurologische Symptome unter Nahrungskarenz, die sich nach dem Essen wieder zurückbilden, sind hoch verdächtig auf einen Insulin produzierenden Tumor. Mit einem Fastentest lässt sich ein Anfangsverdacht meist erhärten.

Das Insulinom, der häufigste hormonaktive Tumor des Pankreas, manifestiert sich durch die sogenannte Whipple-Trias:

  • Symptome einer Hypoglykämie
  • erniedrigte Blutzuckerwerte
  • Verschwinden der Beschwerden nach Glukosegabe

Unter den Betroffenen gibt es mit 60 % etwas mehr Frauen als Männer, der Häufigkeitsgipfel liegt jenseits des 40. Lebensjahres, erläutern Dr. Sabrina­ Ravens­ und Dr. Lorenz­ Scheit­ von der Klinik I Innere Medizin am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg. Sie berichten den Fall einer 46-Jährigen, die über rezidivierenden Schwindel, Hör- und Bewusstseinsstörungen sowie Kribbelparästhesien an den unteren Extremitäten und peri­orales Taubheitsgefühl unter mehrstündiger Nahrungskarenz klagte. Nach einer Mahlzeit besserten sich die Symptome.

Im Zweifel hilft ein verlängerter oraler Glukosetoleranztest

Einem Anfangsverdacht folgend, führten die Ärzte einen Fastentest durch, der positiv ausfiel: Von initial 72 mg/dl sank der Blutzuckerwert der Patientin binnen sieben Stunden auf 25 mg/dl und sie entwickelte eine Bewusstseinstrübung. Deutlich erhöhte Insulin-, C-Peptid- und Proinsulinspiegel sowie eine auffällige 68Ga-HA-Dotatate-PET-CT erhärteten den Verdacht auf ein Insulinom. Mittels laparoskopisch assistierter zentraler Pankreasresektion wurde ein 1,2 cm großer neuroendokriner Tumor entfernt. Anschließend normalisierten sich die Blutzuckerwerte der 46-Jährigen.

In der Insulinomdiagnostik stellt der 72-stündige Hungertest den Goldstandard dar, erläutern die Kollegen. Allerdings bleibt die Untersuchung bei weniger als 10 % der Betroffenen unauffällig. Dies ist dann der Fall, wenn die Insulinome lediglich postprandiale Hypoglyk­ämien verursachen. Bei einem Verdacht gibt ein verlängerter oraler Glukosetoleranztest Klarheit.

Auch differenzialdiagnostisch ist der Fastentest von Bedeutung: Durch die gleichzeitige Bestimmung der Insulinmetaboliten kann eine medikamenteninduzierte Hypoglyk­ämie, die Hypoglycaemia factitia, ausgeschlossen werden. Eine weitere Differenzialdiagnose stellt die multiple endokrine Neoplasie Typ 1 dar, so die Autoren weiter. Diese lässt sich mithilfe eines Gentest abklären. Laborchemisch sollten zumindest ein primärer Hyperparathyreoidismus sowie ein Prolaktinom ausgeschlossen werden.

Im Erwachsenenalter sind etwa 90 % der Insulinome gutartig und haben eine gute Prognose, schließen die Autoren. Ist eine kurative chirurgisch Therapie nicht möglich, können alternativ eine ablative Alkoholinjektion, eine Radiopeptidtherapie oder die Einnahme von Diazoxid erwogen werden. Diagnose, Therapieplanung und onkologische Nachsorge sollten optimalerweise in einem spezialisierten Zentrum erfolgen, wobei sich das Kontrollintervall an der Größe, dem Differenzierungsgrad sowie einer erblichen Komponente orientiert.

Quelle: Ravens S et al. Internist 2020; 61: 964-968; DOI: 10.1007/s00108-020-00830-z


Vermehren sich entartete Inselzellen (dunkler Bereich), kann die Insulinproduktion außer Kontrolle geraten. Man spricht dann von einem Insulinom. Vermehren sich entartete Inselzellen (dunkler Bereich), kann die Insulinproduktion außer Kontrolle geraten. Man spricht dann von einem Insulinom. © Science Photo Library/CNRI